{"id":157,"date":"2023-07-11T12:48:51","date_gmt":"2023-07-11T12:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/?p=157"},"modified":"2023-07-20T08:42:47","modified_gmt":"2023-07-20T08:42:47","slug":"zen-in-der-kunst-des-bogenschiessens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/2023\/07\/11\/zen-in-der-kunst-des-bogenschiessens\/","title":{"rendered":"Zen in Der Kunst Des Bogenschiessens"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"#chapter1\">Chapter I<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter2\">Chapter II<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter3\">Chapter III<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter4\">Chapter IV<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter5\">Chapter V<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter6\">Chapter VI<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter7\">Chapter VII<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter8\">Chapter VIII<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter9\">Chapter IX<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter10\">Chapter X<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter11\">Chapter XI<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#chapter12\">Chapter XII<\/a><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"forward\">Einleitung von Daisetz T. Suzuki<\/h1>\n\n\n\n<p>Einer der wesentlichen Faktoren in der Aus\u00fcbung des Bogenschie\u00dfens und jener anderen K\u00fcnste, die in Japan und wahrscheinlich auch in anderen fern\u00f6stlichen L\u00e4ndern ausgef\u00fchrt werden, ist die Tatsache, da\u00df sie keinen n\u00fctzlichen Zwecken dienen, auch nicht zum rein \u00e4sthetischen Vergn\u00fcgen gedacht sind, sondern eine Schulung des Bewu\u00dftseins bedeuten und dieses in Beziehung zur letzten Wirklichkeit bringen sollen. So wird Bogenschie\u00dfen nicht allein ge\u00fcbt, um die Scheibe zu treffen, das Schwert nicht geschwungen, um den Gegner niederzuwerfen; der T\u00e4nzer tanzt nicht nur um rhythmische Bewegungen des K\u00f6rpers auszuf\u00fchren, sondern vor allem soll das Bewu\u00dftsein dem Unbewu\u00dften harmonisch angeglichen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um wirklich Meister des Bogenschie\u00dfens zu sein, gen\u00fcgt technische Kenntnis nicht. Die Technik mu\u00df \u00fcberschritten werden, so da\u00df das K\u00f6nnen zu einer \u201enichtgekonnten Kunst&#8221; wird, die aus dem Unbewu\u00dften erw\u00e4chst. In Bezug auf das Bogenschie\u00dfen bedeutet dies, da\u00df Sch\u00fctze und Scheibe nicht mehr zwei entgegengesetzte Dinge sind, sondern eine einzige Wirklichkeit. Der Bogensch\u00fctze ist nicht mehr seiner selbst bewu\u00dft, als st\u00fcnde ihm die Aufgabe zu, die Scheibe vor ihm zu treffen. Dieser Zustand der Unbewu\u00dftheit wird aber nur erreicht, wenn er von seinem Selbst vollkommen frei und gel\u00f6st ist, wenn er eins ist mit der Vollkommenheit seiner technischen Geschicklichkeit. Dies ist etwas vollkommen anderes als jeder Fortschritt, der in der Kunst des Bogenschie\u00dfens erreicht werden k\u00f6nnte. Dieses andere, das einer ganz anderen Ordnung angeh\u00f6rt, wird <em>satori<\/em> genannt. Es ist Intuition, die aber vollkommen verschieden ist von dem, was gemeinhin Intuition genannt wird. Darum nenne ich sie prajna -Intuition. Prajna kann als \u201etranszendentale Weisheit&#8221; bezeichnet werden. Aber auch dieser Ausdruck vermag nicht alle T\u00f6nungen wiederzugeben, die in dieser Bezeichnung enthalten sind, denn prajna ist eine Intuition, die sofort die Totalit\u00e4t und Individualit\u00e4t aller Dinge erfa\u00dft. Es ist eine Intuition, die ohne irgendwelche Meditation erkennt, da\u00df Zero unendlich ist (-) und Unendlichkeit Zero ist (- ); und dies ist nicht symbolisch oder mathematisch gemeint, sondern ist eine unmittelbar wahrnehmbare Erfahrung. Satori ist deshalb, psychologisch gesprochen, ein Jenseits der Grenzen des Ichs. Logisch betrachtet ist es Einblick in die Synthese von Bejahung und Verneinung, metaphysisch gesprochen intuitives Erfassen, da\u00df das Sein Werden und das Werden Sein ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der charakteristische Unterschied zwischen Zen und allen anderen Lehren religi\u00f6ser, philosophischer oder mystischer Art ist die Tatsache, da\u00df es niemals aus unserem t\u00e4glichen Leben schwindet und doch bei all seiner praktischen Anwendungsm\u00f6glichkeit und Konkretheit etwas In sich schlie\u00dft, das es aus dem Schauspiel der weltlichen Befleckung und Rastlosigkeit herausstellt. Hier ber\u00fchren wir die Beziehung zwischen Zen und Bogenschie\u00dfen oder den anderen K\u00fcnsten wie Fechten, Blumenschm\u00fccken, Teezeremonie, Tanzen und die feinen K\u00fcnste.<\/p>\n\n\n\n<p>Zen ist \u201edas t\u00e4gliche Bewu\u00dftsein&#8221;, wie Baso Matsu (gestorben 788) es ausdr\u00fcckt. Dieses \u201et\u00e4gliche Bewu\u00dftsein&#8221; ist nichts anderes als \u201eschlafen, wenn man m\u00fcde ist, essen, wenn man hungert&#8221;. Sobald wir nachdenken, \u00fcberlegen und Begriffe bilden, geht das urspr\u00fcnglich Unbewu\u00dfte verloren und ein Gedanke taucht auf. Wir essen nicht mehr, wenn wir essen, schlafen nicht mehr, wenn wir schlafen. Der Bogen ist abgeschossen, aber er fliegt nicht gerade zur Scheibe hin, und die Scheibe steht auch nicht dort, wo sie stehen soll. Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber seine gro\u00dfen Werke werden vollbracht, wenn er nicht rechnet und denkt. \u201eKindlichkeit&#8221; mu\u00df nach langen Jahren der \u00dcbung in der Kunst des Sich-Selbst-Vergessens wieder erlangt werden. Ist dies erreicht, dann denkt der Mensch und denkt doch nicht. Er denkt wie der Regen, der vom Himmel f\u00e4llt; er denkt wie die Wogen, die auf dem Meere treiben; er denkt wie die Sterne, die den n\u00e4chtlichen Himmel erleuchten; wie das gr\u00fcne La ubwerk, das aufsprie\u00dft unter dem milden Fr\u00fchlingswind. Er ist in der Tat selbst der Regen, das Meer, die Sterne, das Gr\u00fcn. Hat der Mensch diese Stufe der \u201egeistigen&#8221; Entwicklung erreicht, ist er ein Zenmeister des Lebens. Er bedarf nicht wie der Maler Leinwand, Pinsel und Farben. Er bedarf nicht wie der Bogensch\u00fctze Bogen, Pfeil und Scheibe oder andere Ausr\u00fcstung\u00bb Er hat seine Glieder, seinen K\u00f6rper, Kopf und \u00e4hnliches. Sein Zenleben dr\u00fcckt sich durch alle diese \u201eWerkzeuge&#8221; aus, die wichtig als seine Ersche inungsformen sind. Seine H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe sind die Pinsel, und das ganze Weltall ist die Leinwand, auf der er sein Leben siebzig, achtzig, neunzig Jahre lang aufmalen wird. Dieses Bild hei\u00dft \u201eGeschichte&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoyen von Gosozan (gestorben 1104) sagt: \u201eHier ist ein Mann, der die Leere des Raums in ein Blatt Papier, die Wellen des Meeres in ein Tintenfa\u00df und den Berg Surneru in einen Pinsel verwandelt und die f\u00fcnf Silben schreibt: s o- s h isairaii. (Diese f\u00fcnf chinesischen Silben hei\u00dfen w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: ,Des ersten Patriarchen Grund, aus dem Westen zu kommen* Dieses Thema bildet oft den Inhalt eines in o n d o. Es ist das gleiche als fr\u00fcge man nach dem Wesen des Zen. Ist dies verstanden, ist Zen dieser K\u00f6rper selbst.) Ihm gebe ich meinen zagu (Zagu ist einer der Gegenst\u00e4nde, die der Zenm\u00f6nch tr\u00e4gt. Er wird vor ihm ausgebreitet, wenn er sich vor dem Buddha oder dem Lehrer verneigt) und verbeuge mich tief vor ihm.&#8221; Man k\u00f6nnte fragen, was diese phantastische Art des Schreibens bedeutet. Warum ist ein Mensch, der solc hes vermag, der h\u00f6chsten Verehrung w\u00fcrdig? Vielleicht w\u00fcrde ein Zenmeister antworten: \u201eIch esse, wenn ich Hunger habe, ich schlafe, wenn ich m\u00fcde bin.&#8221; Dem<\/p>\n\n\n\n<p>Leser aber wird die Frage nach dem Bogensch\u00fctzen noch immer unbeantwortet erscheinen. In dem vorliegenden wunderbaren Buch gibt Professor Herrigel, ein deutscher Philosoph, der nach Japan kam und die Kunst des Bogenschie\u00dfens zum Verst\u00e4ndnis des Zen \u00fcbte, einen erleuchteten Bericht \u00fcber seine eigene Erfahrung. Seine Ausdrucksweise wird den westlichen Leser vertraut machen mit jener seltsamen und scheinbar unzug\u00e4nglichen Art der \u00f6stlichen Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ipswich, Massachusetts, Mai 1953<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_1\">I<\/h1>\n\n\n\n<p>ES MUSS AUF DEN ERSTEN BLICK als unertr\u00e4gliche Herabw\u00fcrdigung erscheinen, das Zen &#8211; was immer man darunter verstehen m\u00f6ge &#8211; in Verbindung mit dem Bogenschie\u00dfen gebracht zu sehen. Selbst wenn man in weitherzigem Entgegenkommen damit einverstanden sein sollte, das Bogenschie\u00dfen als \u201eKunst&#8221; ausgezeichnet zu finden, wird man sich kaum dazu bereit f\u00fchlen, etwas anderes als ein ausgesprochen sportliches K\u00f6nnen hinter dieser Kunst zu suchen. Man macht sich somit darauf gefa\u00dft, \u00fcber erstaunliche Leistungen japanischer Kunstsch\u00fctzen etwas zu erfahren, die den Vorteil haben, sich auf eine altehrw\u00fcrdige und niemals endg\u00fcltig abgebrochene Tradition im Gebrauch von Bogen und Pfeil berufen zu k\u00f6nnen. Denn es ist im fernen Osten erst wenige Menschenalter her, da\u00df moderne Waffen die alten Kampfmittel zwar f\u00fcr den Ernstfall verdr\u00e4ngt haben; der Umgang mit ihnen aber wurde dadurch keineswegs unterbunden, sondern pflanzte sich weiter fort und wird seitdem in immer weiteren Kreisen gepflegt. Erwartet man daher nicht vielleicht eine Beschreibung der besonderen Art und Weise, in der das Bogenschie\u00dfen als nationaler Sport in Japan heutzutage betrieben wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts kann verfehlter sein als gerade diese Vermutung. Unter Bogenschie\u00dfen im hergebrachten Sinn, das er als Kunst achtet und als Verm\u00e4chtnis ehrt, versteht der Japaner nicht einen Sport, sondern, so sonderbar dies zun\u00e4chst auch klingen mag, ein kultisches Geschehen. Und somit versteht er unter \u201eKunst&#8221; des Bogenschie\u00dfens nicht ein durch vorwiegend k\u00f6rperliche \u00dcbung mehr oder weniger beherrschbares sportliches K\u00f6nnen, sondern ein K\u00f6nnen, dessen Ursprung in geistigen \u00dcbungen zu suchen ist und dessen Ziel in einem geistigen Treffen besteht: so da\u00df also der Sch\u00fctze im Grunde genommen auf sich selbst zielt und dabei vielleicht erreicht, da\u00df er sich selbst trifft. Dies klingt zweifellos r\u00e4tselhaft. Wie?, wird man sagen, das Bogenschie\u00dfen, einst zum Kampf auf Leben und Tod ge\u00fcbt, soll sich nicht einmal in einen handgreiflichen Sport hin\u00fcbergerettet haben, sondern zu einem geistigen Exercitium geworden sein? Wozu dann noch Bogen und Pfeil und Zielscheibe? Hat man da nicht die mannhafte alte Kunst und den eindeutig redlichen Sinn des Bogenschie\u00dfens verleugnet und an seine Stelle etwas Verschwommenes, wenn nicht geradezu Phantastisches gesetzt? Es ist indessen zu bedenken, da\u00df der eigent\u00fcmliche Geist dieser Kunst, seit er sich nicht mehr in blutiger Auseinandersetzung zu bew\u00e4hren hat, nur um so unabgelenkter und \u00fcberzeugender hervorgetreten ist &#8211; jener Geist also, der nicht erst neuerdings in den Umgang mit Bogen und Pfeil hineingedeutet zu werden brauchte, weil er schon immer mit ihm verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es verh\u00e4lt sich also durchaus nicht so, da\u00df die \u00fcberlieferte Technik des Bogenschie\u00dfens, seit es im Waffengang keine Rolle mehr spielt, in einen heiteren Zeitvertreib verwandelt, damit aber auch zugleich verharmlost worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eGro\u00dfe Lehre&#8221; des Bogenschie\u00dfens sagt etwas anderes dar\u00fcber aus. Nach ihr ist Bogenschie\u00dfen nach wie vor eine Angelegenheit auf Leben und Tod in dem Ma\u00dfe, wie es Auseinandersetzung des Sch\u00fctzen mit sich selbst ist; und diese Weise der Auseinandersetzung ist nicht verk\u00fcmmerter Ersatz, sondern tragender Grund aller nach au\u00dfen hin gerichteten Auseinandersetzung &#8211; etwa mit dem leibhaftigen Gegner. In dieser Auseinandersetzung des Sch\u00fctzen mit sich selbst zeigt sich also erst das geheime Wesen dieser Kunst, und die Unterweisung in ihr unterschl\u00e4gt daher nichts Wesentliches, wenn sie auf die Nutzanwendung, welche die Praxis des ritterlichen Kampfes ehemals verlangte, verzichtet. Wer sich heute dieser Kunst verschreibt, zieht daher aus der geschichtlichen Entwicklung den unbestreitbaren Gewinn, nicht der Versuchung zu erliegen, das Verst\u00e4ndnis der \u201eGro\u00dfen Lehre&#8221; durch praktische Zwecksetzungen &#8211; auch wenn er sie vor sich selbst verbergen sollte &#8211; zu tr\u00fcben, wenn nicht schlechthin unm\u00f6glich zu machen. Denn der Zugang ist, und darin stimmen die Bogenmeister \u00fcber die Zeiten hinweg miteinander \u00fcberein, nur denen verg\u00f6nnt, die \u201ereinen&#8221;, um Nebenabsichten unbek\u00fcmmerten Herzens sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Fragt man von hier aus, wie japanische Bogenmeister diese Auseinandersetzung des Sch\u00fctzen mit sich selbst sehen und schildern, so mu\u00df ihre Antwort vollends r\u00e4tselhaft klingen. Denn die Auseinandersetzung besteht f\u00fcr sie darin, da\u00df der Sch\u00fctze auf sich selbst &#8211; und wiederum nicht auf sich selbst &#8211; zielt, da\u00df er dabei vielleicht sich selbst &#8211; und wiederum nicht sich selbst &#8211; trifft und somit in einem Zielender und Ziel, Treffender und Getroffener ist. Oder, um mich einiger Ausdr\u00fccke zu bedienen, die Bogenmeistern ans Herz gewachsen sind: es kommt darauf an, da\u00df der Sch\u00fctze trotz all seinem Tun unbewegte Mitte wird. Dann stellt das Gr\u00f6\u00dfte und Letzte sich ein: die Kunst wird kunstlos, das Schie\u00dfen wird zu einem Nichtschie\u00dfen, zu einem Schie\u00dfen ohne Bogen und Pfeil; der Lehrer wird wieder zum Sch\u00fcler, der Meister zum Anf\u00e4nger, das Ende zum Beginn und der Beginn zur Vollendung. F\u00fcr den Ostasiaten sind diese geheimnisvollen Formeln durchsichtig und vertraut. Uns dagegen machen sie ohne Zweifel v\u00f6llig ratlos. Es bleibt daher nichts anderes \u00fcbrig, als noch weiter auszuholen. Seit geraumer Zeit ist es selbst f\u00fcr uns Europ\u00e4er kein Geheimnis mehr, da\u00df die japanischen K\u00fcnste um ihrer inneren Form willen auf eine gemeinsame Wurzel zur\u00fcckweisen: auf den Buddhismus. Dies gilt f\u00fcr die Kunst des Bogenschie\u00dfens in demselben Sinn und Ma\u00dfe wie f\u00fcr die Tuschemalerei, f\u00fcr die Schauspielkunst nicht weniger als f\u00fcr die Teezeremonie, die Kunst des Blumenstellens und die Schwertmeisterschaft. Es besagt zun\u00e4chst, da\u00df sie alle eine geistige Haltung voraussetzen und je nach ihrer Eigenart bewu\u00dft pflegen, die in ihrer gesteigertsten Form dem Buddhismus eigent\u00fcmlich is t und das Wesen des priesterlichen Menschen bestimmt. Freilich ist hierbei nicht der Buddhismus schlechthin gemeint. Nicht um den ausgesprochen spekulativen Buddhismus dreht es sich hier, den man um seines angeblich zug\u00e4nglichen Schrifttums willen allein in Europa kennt und sogar zu verstehen beansprucht, sondern um den \u201eDhyana&#8221;- Buddhismus, den man in Japan als \u201eZen&#8221; bezeichnet, und der in erster Linie nicht Spekulation, sondern unmittelbare Erfahrung dessen sein will, was als grundloser Grund des Seienden vom Verstande nicht ausgedacht, ja nicht einmal nach noch so eindeutigen und unwiderstehlichen Erfahrungen begriffen und gedeutet zu werden vermag: man wei\u00df es, indem man es nicht wei\u00df. Um dieser entscheidenden Erfahrungen willen schl\u00e4gt der Zen- Buddhismus Wege ein, welche durch ein methodisch ge\u00fcbtes Sichversenken dahin f\u00fchren sollen, im tiefsten Grunde der Seele des unnennbar Grund- und Weiselosen inne, noch mehr: mit ihm eins zu werden. Und dies bedeutet nun mit R\u00fccksicht auf das Bogenschie\u00dfen in freilich ganz vorl\u00e4ufiger und eben deshalb vielleicht bedenklicher Feststellung: die geistigen \u00dcbungen, denen allein zu verdanken ist, da\u00df die Technik des Bogen- Schie\u00dfens zur Kunst wird und, wenn es sich so f\u00fcgen sollte, als kunstlose Kunst sich vollendet, sind mystische \u00dcbungen, und das Bogenschie\u00dfen kann somit unter keinen Umst\u00e4nden den Sinn haben, mit Bogen und Pfeil \u00e4u\u00dferlich, sondern mit sich selbst innerlich etwas auszurichten. Bogen und Pfeil sind gleichsam nur ein Vorwand f\u00fcr etwas, was sich auch ohne sie ereignen k\u00f6nnte, nur der &#8220;Weg zu einem Ziel, nicht das Ziel selbst, nur Hilfen f\u00fcr den letzten entscheidenden Sprung.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts dieser Sachlage w\u00e4re nun nichts erw\u00fcnschter, als wenn man sich um eines tieferen Verst\u00e4ndnisses willen an Darlegungen von Zen-Buddhisten halten k\u00f6nnte. Daran fehlt es in der Tat nicht. So hat etwa D. T. Suzuki in seinen \u201eEssays on Zen-Buddhism&#8221; den Nachweis daf\u00fcr zu erbringen vermocht, da\u00df japanische Kultur und Zen aufs innigste zusammenh\u00e4ngen, da\u00df also die japanischen K\u00fcnste, die geistige Haltung der Samurai, der japanische Lebensstil, die moralische, \u00e4sthetische, ja bis zu einem gewissen Grade sogar die intellektuelle Lebensform des Japaners ihre Eigenart dieser zenistischen Grundlage verdanken und daher von dem, der mit ihr nicht vertraut ist, nicht hinreichend verstanden werden k\u00f6nnen. Die \u00fcberaus bedeutsamen Schriften Suzukis &#8211; neuerdings auch in deutscher Sprache zug\u00e4nlich 1), sowie Untersuchungen anderer japanischer Forscher haben berechtigtes Aufsehen erregt. Bereitwillig gibman zu, da\u00df der in Indien geborene Dhyana-Buddhismus, in China nach einschneidenden Wandlungen zu voller Reife entwickelt, endlich von Japan \u00fcbernommen und bis zum heutigen Tage in lebendiger Tradition gepflegt &#8211; da\u00df also dieses Zen bisher ungeahnte Weisen menschlicher Existenz entbinde, in die nun endlich Einblick zu gewinnen gar nicht hoch genug angeschlagen werden k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller Bem\u00fchungen zenistischer K\u00fcnder ist indessen der uns Europ\u00e4ern bisher verg\u00f6nnte Einblick in das Wesen des Zen unleugbar \u00fcberaus d\u00fcrftig geblieben. Als ob es sich tieferem Eindringen widersetze, st\u00f6\u00dft das ahnenderschlie\u00dfende Sicheinf\u00fchlen nach wenigen Schritten schon auf un\u00fcberwindliche Schranken. In undurchdringliches Dunkel geh\u00fcllt, mu\u00df das Zen als das seltsamste R\u00e4tsel erscheinen, welches ostasiatisches Geistesleben aufgegeben hat: unl\u00f6sbar und dennoch unwiderstehlich anziehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund f\u00fcr diese schmerzlich empfundene Unzug\u00e4nglichkeit ist in gewisser Hinsicht im Stil der Darstellungen zu suchen, welche das Zen bisher gefunden hat. Kein Verst\u00e4ndiger wird verlangen, da\u00df der Zenist die Erfahrungen, die ihn befreit und gewandelt haben, da\u00df er die unausdenkbare und unaussagbare \u201eWahrheit&#8221;, aus der er fortan lebt, auch nur zu umschreiben versuche. Das Zen ist in dieser Hinsicht der reinen Versenkungsmystik verwandt. Wer mystischer Erfahrungen nicht teilhaftig ist, bleibt, wie immer er sich auch drehe und wende, au\u00dferhalb stehen. Dieses Gesetz, dem alle echte Mystik gehorcht, l\u00e4\u00dft keine Ausnahme zu. Dem widerspricht nicht, da\u00df es eine verschwenderische F\u00fclle heilig gehaltener Zen-Texte gibt. Sie haben indessen die Eigenschaft, nur dem ihren lebensspendenden Sinn zu offenbaren, der aller entscheidenden Erfahrungen gew\u00fcrdigt worden ist und somit aus diesen Texten die Best\u00e4tigung dessen herauszulesen vermag, was er unabh\u00e4ngig von ihnen schon hat und ist. Dem Unerfahrenen gegen\u00fcber bleiben sie dagegen nicht nur stumm &#8211; wie sollte er auch in der Lage sein, gleichsam zwischen den Zeilen zu lesen? -, sondern f\u00fchren ihn unweigerlich in eine heillose geistige Irre, auch wenn er sich ihnen mit scheuer Behutsamkeit und selbstvergessener Hingabe naht. Zen kann somit wie alle Mystik nur von dem verstanden werden, der selbst Mystiker ist und daher nicht in die Versuchung kommt, auf andere Weise erschleichen zu wollen, was ihm die mystische Erfahrung vorenth\u00e4lt. Nun f\u00fchrt aber der durch das Zen Gewandelte und durch das \u201eFeuer der Wahrheit&#8221; Gel\u00e4uterte ein viel zu \u00fcberzeugendes Dasein, als da\u00df es \u00fcbersehen werden k\u00f6nnte. Es ist daher nicht vermessen, wenn der, welcher aus ahnungsvoll dr\u00e4ngender geistiger Verwandtschaft Zugang zu der namenlosen Macht finden m\u00f6chte, die so Gro\u00dfes wirkt &#8211; denn der blo\u00df Neugierige hat kein Recht, Anspr\u00fcche zu stellen -, erwartet, da\u00df der Zenist daf\u00fcr doch wenigstens den Weg beschreibe, der zum Ziele f\u00fchrt. Kein Mystiker und somit auch kein Zenist ist mit dem ersten Schritt schon der, als der er, sich vollendend, sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viel mu\u00df er \u00fcberwinden und hinter sich lassen, damit er endlich auf die Wahrheit sto\u00dfe! Wie oft peinigt ihn unterwegs das trostlose Gef\u00fchl, er strebe Unm\u00f6gliches an! Und doch ist dieses Unm\u00f6gliche eines Tages m\u00f6glich, ja sogar selbstverst\u00e4ndlich geworden. Ist somit nicht Raum f\u00fcr die Hoffnung, die sorgf\u00e4ltige Beschreibung dieses langen und beschwerlichen Weges gestatte vielleicht dies eine: sich wenigstens zu fragen, ob man ihn wagen m\u00f6chte?<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Beschreibungen des Weges und seiner Stationen fehlen nun aber im zenistischen Schrifttum nahezu v\u00f6llig. Dies h\u00e4ngt einerseits damit zusammen, da\u00df gerade der Zenist sich am entschiedensten dagegen wehrt, eine Art Anweisung zum seligen Leben geben zu wollen. Wei\u00df er doch aus eigenster Erfahrung, da\u00df niemand diesen Weg ohne die gewissenhafte F\u00fchrung eines erfahrenen Lehrers einzuschlagen und ohne Hilfe eines Meis ters zu vollenden vermag. Nicht weniger entscheidend aber ist f\u00fcr ihn andererseits, da\u00df seine Erlebnisse, \u00dcberwindungen und Wandlungen, so lange sie noch die \u201eseinigen&#8221; sind, immer wieder von neuem \u00fcberwunden und gewandelt werden m\u00fcssen, bis all das Seine vernichtet ist. Denn so erst wird die Basis f\u00fcr Erfahrungen gewonnen, die, als \u201eallumfassende Wahrheit&#8221;, ihn zu einem Leben erwecken, das nicht mehr sein allt\u00e4glichpers\u00f6nliches Leben ist. Er lebt, indem nicht mehr er es ist, der lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus wird verst\u00e4ndlich, weshalb der Zenist jedes Reden von sich selbst und somit von seinem Werdegang vermeidet. Nicht, weil er es f\u00fcr unbescheidene Geschw\u00e4tzigkeit, sondern weil er es geradezu als Verrat am Zen ansehen mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Kostet ihn doch schon die Erw\u00e4gung des Entschlusses, \u00fcber das Zen selbst etwas verlauten zu lassen, ernste Pr\u00fcfung. Wie warnend steht vor ihm die Erinnerung an einen der gr\u00f6\u00dften Meister, der auf die Frage, was denn das Zen sei, unbewegt schwieg, als habe er sie gar nicht vernommen. Und da sollte der Zenist in die Versuchung kommen, \u00fcber sich selbst, \u00fcber das, was er weggeworfen hat und nicht mehr vermi\u00dft, Rechenschaft abzulegen? Angesichts dieser Sachlage w\u00e4re es nicht zu verantworten, wollte ich dabei stehen bleiben, mit paradoxen Formeln weiterhin aufzuwarten und mich mit Worten, die den Mund recht voll nehmen, zu entlasten. Verfolge ich doch die Absicht, das Wesen des Zen in der Art und Weise, wie es sich in einer der von ihm gepr\u00e4gten K\u00fcnste auswirkt, aufleuchten zu lassen. Dieses Leuchten ist freilich noch keine Erleuchtung in der f\u00fcr das Zen so fundamentalen Bedeutung dieses Wortes, aber zeigt doch wenigstens an, da\u00df es da etwas geben mu\u00df, was sich wie hinter undurchdringlichen Nebelw\u00e4nden dem Blick verbirgt und wie Wetterleuchten den fernen Blitz k\u00fcndet. Die Kunst des Bogenschie\u00dfens stellt, so verstanden, gleichsam eine Vorschule des Zen dar und erlaubt, in zun\u00e4chst noch durchaus handgreiflichen Vollz\u00fcgen Geschehnisse durchsichtig zu machen, die aus sich selbst nicht mehr begreiflich sind. In sachlicher Hinsicht w\u00e4re es durchaus m\u00f6glich, von jeder der genannten K\u00fcnste her einen Weg zum Wege des Zen zu bahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Absicht aber glaube ich am wirksamsten dadurch erreichen zu k\u00f6nnen, da\u00df ich den Weg beschreibe, den ein Sch\u00fcler der Kunst des Bogenschie\u00dfens zur\u00fcckzulegen hat. Genauer gesagt will ich versuchen, \u00fcber einen nahezu sechsj\u00e4hrigen Unterricht, den ich w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Japan von einem der gr\u00f6\u00dften Meister dieser Kunst erhielt, zu berichten. Eigene Erfahrungen also erm\u00e4chtigten mich zu diesem Unternehmen. Um aber auch nur einigerma\u00dfen verstanden zu werden &#8211; denn schon diese Vorschule birgt des R\u00e4tselhaften genug -, bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig, als ausf\u00fchrlich aller der Widerst\u00e4nde, die ich zu \u00fcberwinden hatte, und aller der Hemmungen, von denen ich mich l\u00f6sen mu\u00dfte, zu gedenken, bevor es mir gelang, in den Geist der Gro\u00dfen Lehre einzudringen. Ich berichte also von mir selbst nur deshalb, weil ich keinen anderen Weg sehe, das gesteckte Ziel zu erreichen. Aus demselben Grunde werde ich mich auf die Darstellung des Wesentlichen beschr\u00e4nken, damit es um so sch\u00e4rfer hervortritt. Ich verzichte bewu\u00dft darauf, den Rahmen, innerhalb dessen der Unterricht vor sich ging, zu schildern, Szenen, die sich in der Erinnerung festgesetzt haben, heraufzubeschw\u00f6ren, vor allem aber ein Bild des Meisters zu zeichnen &#8211; so verlockend dies alles auch immer sein mag. Immer nur um die Kunst des Bogenschie\u00dfens soll es sich drehen, die darzustellen, wie mir manchmal vorkommt, noch schwieriger ist, als sie zu erlernen; und bis an die Stelle soll die Darstellung gef\u00fchrt werden, von der aus jene fernsten Horizonte sichtbar zu werden beginnen, hinter denen das Zen atmet.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_2\">II<\/h1>\n\n\n\n<p>WESHALB ICH MICH MIT DEM Zen einlie\u00df und mir vornahm, zu diesem Zweck gerade die Kunst des Bogenschie\u00dfens zu erlernen, bedarf einer Erkl\u00e4rung. Schon als Student hatte ich mich eingehend, wie aus geheimem Drang, mit Mystik besch\u00e4ftigt, trotz einer Zeitstimmung, die f\u00fcr solche Anliegen wenig \u00fcbrig hatte. Bei aller Bem\u00fchung aber war ich mehr und mehr dessen inne geworden, da\u00df ich mystische Schriften nicht anders als von au\u00dfen her anzugehen vermochte und das, was man als das mystische Urph\u00e4nomen bezeichnen darf, wohl einzukreisen wu\u00dfte, ohne da\u00df es mir doch gelungen w\u00e4re, die Kreislinie, die wie eine ho he Mauer das Geheimnis umschlie\u00dft, zu \u00fcberspringen. Auch in dem umfangreichen Schrifttum \u00fcber Mystik fand ich gerade das nicht, was ich suchte und kam, allm\u00e4hlich entt\u00e4uscht und entmutigt, zu der Einsicht, da\u00df nur der wahrhaft Abgeschiedene verstehen kann, was mit \u201eAbgeschiedenheit&#8221; gemeint ist, und das nur der Entsunkene, der seiner selbst v\u00f6llig los und ledig geworden ist, zur \u201eEinswerdung&#8221; mit dem \u201e\u00fcbergotten Gott&#8221; bereitet sein mag. Ich hatte also eingesehen, da\u00df es keinen anderen Weg zur Mystik gibt und geben kann als den des eigenen Erfahrens und Durchleidens, und da\u00df, wenn diese Voraussetzung fehlt, alle Rede davon blo\u00dfes Worte machen bleibt. Aber &#8211; wie wird man Mystiker? Wie gelangt man in den Zustand wirklicher, nicht blo\u00df vermeintlicher Abgeschiedenheit? Gibt es noch immer einen Weg dahin auch f\u00fcr den, der durch die Kluft von Jahrhunderten von den gro\u00dfen Meistern getrennt ist? F\u00fcr den modernen Menschen, der unter g\u00e4nzlich anderen Verh\u00e4ltnissen aufw\u00e4chst? Nirgends fand ich auch nur einigerma\u00dfen befriedigende Antworten auf meine Fragen, auch wenn ich von Stufen und Stationen eines Weges zu h\u00f6ren bekam, der zum Ziele zu f\u00fchren versprach. Ihn zu begehen, fehlten genaue methodische Anweisungen, die den Meister eine Strecke weit ersetzen k\u00f6nnten. Aber w\u00fcrden solche Anweisungen, wenn es sie g\u00e4be, gen\u00fcgen? Ist es nicht vielmehr so, da\u00df durch sie im besten Falle nur die Bereitschaft hergestellt wird, das zu empfangen, wor\u00fcber auch die beste Methodik nicht verf\u00fcgt, da\u00df die mystische Erfahrung somit durch keine vom Menschen herkommende Disposition herbeigezwungen werden kann? Wie ich es auch anstellte, fand ich mich vor verschlossenen T\u00fcren stehen und konnte es doch nicht unterlassen, immer wieder daran zu r\u00fctteln. Die Sehnsucht aber blieb und, wenn sie m\u00fcde geworden war, die Sehnsucht nach dieser Sehnsucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich daher eines Tages &#8211; ich war unterdessen Privatdozent geworden &#8211; die Anfrage erhielt, ob ich an der Kaiserlichen Tohoku-Universit\u00e4t Geschichte der Philosophie lehren wolle, begr\u00fc\u00dfte ich die M\u00f6glichkeit, Land und Volk der Japaner kennenzulernen, schon allein deshalb so freudig, weil sich dadurch die Aussicht er\u00f6ffnete, zum Buddhismus und damit zu seiner Versenkungspraxis und Mystik in Beziehung zu treten. Denn so viel hatte ich schon davon geh\u00f6rt, da\u00df es dort eine sorgsam geh\u00fctete Tradition und lebendige Pflege des Zen gibt, eine jahrhundertealte erprobte Kunst der Unterweisung und, als wichtigstes, Lehrer des Zen mit erstaunlicher Erfahrung in der Kunst der Seelenf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte ich mich in dem neuen Milieu auch nur einigerma\u00dfen zurechtgefunden, k\u00fcmmerte ich mich um die Verwirklichung meines Anliegens. Ich stie\u00df indessen zun\u00e4chst auf verlegenes Widerraten. Noch nie habe sich bisher ein Europ\u00e4er ernsthaft um das Zen bem\u00fcht, wurde mir gesagt, und da es selbst die leiseste Spur von \u201eLehre&#8221; ablehne, sei nicht zu erwarten, da\u00df es mich \u201etheoretisch&#8221; befriedigen werde. Es hat manche verlorene Stunde gekostet, bis es mir gelang, verst\u00e4ndlich zu machen, weshalb ich mich gerade dem nichtspekulativen Zen zuwenden wolle. Da belehrte man mich, da\u00df es f\u00fcr den Europ\u00e4er aussichtslos sei, in dieses f\u00fcr ihn wohl fremdeste Bereich ostasiatischen Geisteslebens einzudringen &#8211; es sei denn, da\u00df er mit der Erlernung einer der japanischen K\u00fcnste beginne, die mit dem Zen in Beziehung stehen. Der Gedanke, eine Art von Vorschule durchlaufen zu m\u00fcssen, schreckte mich nicht ab. Zu jedem Zugest\u00e4ndnis f\u00fchlte ich mich bereit, wenn nur die Hoffnung winkte, mich schrittweise dem Zen zu n\u00e4hern, und selbst ein m\u00fchevoller Umweg erschien mir immer noch als sehr viel besser als gar kein Weg. Welcher von den zu diesem Zwecke namhaft gemachten K\u00fcnsten sollte ich mich verschreiben? Meine Frau entschied sich ohne langes Z\u00f6gern f\u00fcr das Blumenstellen und f\u00fcr Tuschemalerei, w\u00e4hrend mir die Kunst des Bo genschie\u00dfens mehr zusagte in der, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, \u00fcberaus irrigen Annahme, meine Erfahrungen im Gewehr und Pistolenschie\u00dfen k\u00f6nnten mir hierbei zustatten kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Einen meiner Kollegen, den Professor der Jurisprudenz Sozo<br>Komachiya, der schon seit zwei Jahrzehnten Unterricht im<br>Bogenschie\u00dfen genommen hatte und mit Recht als der beste<br>Kenner dieser Kunst an der Universit\u00e4t galt, bat ich, er m\u00f6ge<br>mich bei seinem Lehrer, dem ber\u00fchmten Meister Kenzo Awa,<br>als Sch\u00fcler anmelden. Der Meister wies meine Bitte zun\u00e4chst<br>mit der Begr\u00fcndung ab, er habe sich schon einmal dazu verleiten<br>lassen, einen Ausl\u00e4nder zu unterrichten, und dabei schlechte<br>Erfahrungen gemacht. Er sei daher nicht ein zweites Mal bereit,<br>sich Zugest\u00e4ndnisse abzuringen, um den Sch\u00fcler mit dem<br>eigent\u00fcmlichen Geist dieser Kunst nicht behelligen zu m\u00fcssen.<br>Erst als ich beteuerte, ein Meister, der seine Sache so ernst<br>nehme, d\u00fcrfe mich wie seinen j\u00fcngsten Sch\u00fcler behandeln, weil<br>ich diese Kunst nicht zum Vergn\u00fcgen, sondern um der \u201eGro\u00dfen<br>Lehre&#8221; willen kennenlernen wolle, nahm er mich als Sch\u00fcler an,<br>zugleich auch meine Frau, da es ja in Japan seit altersher<br>durchaus \u00fcblich ist, da\u00df auch M\u00e4dchen in dieser Kunst<br>unterrichtet werden, und da zudem die Frau des Meisters und<br>seine beiden T\u00f6chter flei\u00dfig \u00fcbten. Und so begann der ernste<br>und strenge Unterricht, an dem zu unserer Freude auch Herr<br>Komachiya, der sich f\u00fcr uns so hartn\u00e4ckig eingesetzt und<br>nahezu verb\u00fcrgt hatte, zugleich als Dolmetscher teilnahm.<br>Dar\u00fcber hinaus bot mir die g\u00fcnstige Gelegenheit, dem<br>Unterricht, den meine Frau im Blumenstellen und in<br>Tuschemalerei nahm, gleichsam als Gasth\u00f6rer beizuwohnen, die<br>Aussicht, in hin- und hergehendem Vergleichen und Erg\u00e4nzen<br>eine noch breitere Basis des Verst\u00e4ndnisses zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_3\">III<\/h1>\n\n\n\n<p>DASS DER WEG DER KUNSTLOSEN Kunst nicht leicht ist, sollten wir gleich in der ersten Unterrichtsstunde erfahren. Der Meister zeigte uns zun\u00e4chst japanische B\u00f6gen und erkl\u00e4rte aus ihrem eigenartigen Bau sowie aus dem zu ihrer Herstellung vornehmlich verwendeten Material, n\u00e4mlich Bambus, ihre au\u00dfergew\u00f6hnliche Spannkraft. Noch weitaus wichtiger aber erschien es ihm, uns auf die \u00fcberaus edle Form des gegen zwei Meter langen Bogens aufmerksam zu machen, die er annimmt, sobald die Bogensehne eingeh\u00e4ngt, der Bogen also zum Gebrauch gespannt ist, und die um so \u00fcberraschender hervortritt, je weiter die Bogensehne gezogen wird. Ist sie so weit ausgezogen, als es der Bogen zul\u00e4\u00dft, dann schlie\u00dft er sich in das \u201eAll&#8221; ein, f\u00fcgte der Meister erl\u00e4uternd hinzu, und eben deshalb ist es wichtig, das rechte Spannen zu erlernen. Dann ergriff er den besten und st\u00e4rksten seiner eigenen B\u00f6gen und lie\u00df, in betont feierlicher Haltung, die nur wenig angezogene Bogensehne mehrmals zur\u00fcckschnellen. Dadurch wird ein Ger\u00e4usch erzeugt, gemischt aus einem scharfen Schlag und einem tiefen Summen, das man nie mehr vergi\u00dft, wenn man es auch nur einigemal geh\u00f6rt hat; so eigent\u00fcmlich ist es, so unwiderstehlich greift es ans Herz. Von altersher wird ihm die geheime Macht zugeschrieben, b\u00f6se Geister zu bannen; und ich kann durchaus verstehen, da\u00df diese Deutung im ganzen japanischen Volke Wurzel gefa\u00dft hat. Nach diesem bedeutsam einleitenden Akt der Reinigung und Weihe forderte uns der Meister auf, ihn genau zu beobachten. Er legte einen Pfeil auf, spannte den Bogen so weit, da\u00df ich schon f\u00fcrchtete, er k\u00f6nne der Beanspruchung, das All in sich zu fassen, nicht standhalten, und scho\u00df endlich ab. Dies alles sah nicht nur sehr sch\u00f6n, sondern auch sehr m\u00fchelos aus. Nun gab er die Anweisung:<\/p>\n\n\n\n<p>Machen Sie es ebenso, aber beachten Sie dabei, da\u00df Bogenschie\u00dfen nicht dazu da ist, Muskeln zu st\u00e4rken. Sie d\u00fcrfen zum Ziehen der Bogensehne nicht Ihre ganze K\u00f6rperkraft aufbieten, sondern m\u00fcssen lernen, nur Ihre beiden H\u00e4nde die Arbeit tun zu lassen, w\u00e4hrend die Arm- und Schultermuskeln locker bleiben und wie unbeteiligt zusehen. Erst wenn Sie dies k\u00f6nnen, erf\u00fcllen Sie eine der Bedingungen, unter denen das Spannen und Schie\u00dfen \u201egeistig&#8221; wird. Nach diesen Worten ergriff er meine H\u00e4nde und f\u00fchrte sie langsam durch die Phasen der Bewegung hindurch, die sie hinfort ausf\u00fchren sollten, damit ich mich gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig an sie gew\u00f6hne. Schon beim ersten Versuch mit einem mittelstarken \u00dcbungsbogen merkte ich, da\u00df ich Kraft, ja sogar erhebliche K\u00f6rperkraft aufwenden mu\u00dfte, um ihn zu spannen. Dazu kommt, da\u00df der japanische Bogen nicht etwa wie der europ\u00e4ische Sportbogen in Schulterh\u00f6he gehalten wird, so da\u00df man sich gleichsam in ihn hineindr\u00fccken kann. Er wird vielmehr, sobald der Pfeil eingelegt ist, mit nahezu gestreckten Armen hochgenommen, so da\u00df sich die H\u00e4nde des Sch\u00fctzen \u00fcber seinem Kopf befinden. Es bleibt somit nichts anderes \u00fcbrig, als sie gleichm\u00e4\u00dfig nach rechts und links auseinanderzuziehen, und je weiter sie sich voneinander entfernen, um so tiefer r\u00fccken sie, Kurven beschreibend, bis sich die linke Hand, die den Bogen h\u00e4lt, bei ausgestrecktem Arm in Augenh\u00f6he, die rechte Hand des gebeugten rechten Armes dagegen, welche die Sehne zieht, sich \u00fcber dem rechten Schultergelenk befindet, so da\u00df der beinahe einen Meter lange Pfeil mit seiner Spitze nur wenig \u00fcber den \u00e4u\u00dferen Bogenrand hinausragt &#8211; so gro\u00df ist die Spannweite. In dieser Haltung hat nun der Sch\u00fctze eine Weile zu verharren, bevor der Schu\u00df gel\u00f6st werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcr diese ungew\u00f6hnliche Art des Spannens und des Haltens ben\u00f6tigte Kraftaufwand also brachte es mit sich, da\u00df nach wenigen Augenblicken schon meine H\u00e4nde zu zittern anfingen und der Atem schwer und schwerer ging. Auch im Laufe der n\u00e4chsten Wochen \u00e4nderte sich dies nicht. Das Spannen blieb eine harte Angelegenheit und wollte trotz eifrigem \u00dcben nicht \u201egeistig&#8221; werden. Zum Trost erfand ich mir den Gedanken, es m\u00fcsse sich dabei um einen Kniff handeln, den der Meister aus irgendeinem Grunde nicht preisgebe, und setzte meinen Ehrgeiz darein, ihn zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigensinnig in meinen Vorsatz verbissen, \u00fcbte ich weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Meister verfolgte aufmerksam meine Bem\u00fchungen, verbesserte gelassen meine gezwungene Haltung, lobte meinen Eifer, tadelte meinen Kraftaufwand, aber lie\u00df mich gew\u00e4hren. Nur r\u00fchrte er, indem er mir das deutsche Wort \u201egelockert&#8221;, das er unterdessen kennengelernt hatte, beim Spannen des Bogens zurief, immer wieder an die wunde Stelle, ohne die Geduld und die H\u00f6flichkeit zu verlieren. Aber der Tag kam, an dem ich es war, der die Geduld verlor, und es \u00fcber mich brachte einzugestehen, da\u00df ich auf die vorgeschriebene Weise den Bogen nun einmal nicht zu spannen verm\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie k\u00f6nnen es deshalb nicht,&#8221; kl\u00e4rte mich der Meister auf, \u201eweil Sie nicht richtig atmen. Dr\u00fccken Sie nach dem Einatmen den Atem sachte herunter, so da\u00df sich die Bauchwand m\u00e4\u00dfig spannt und halten Sie ihn da f\u00fcr eine Weile fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann atmen Sie m\u00f6glichst langsam und gleichm\u00e4\u00dfig aus, um nach kurzer Pause mit einem raschen Zug wieder Luft zu sch\u00f6pfen &#8211; in einem Aus und Ein fortan, dessen Rhythmus sich allm\u00e4hlich selbst bestimmen wird. Bei richtiger Ausf\u00fchrung werden Sie sp\u00fcren, da\u00df Ihnen das Bogenschie\u00dfen von Tag zu Tag leichter f\u00e4llt. Denn mit dieser Atmung entdecken Sie nicht nur den Ursprung aller geistigen Kraft, sondern erreichen auch, da\u00df diese Quelle immer reichlicher flie\u00dft und um so leichter sich durch Ihre Gliedma\u00dfen ergie\u00dft, je gelockerter Sie sind.&#8221; Wie zum Beweise spannte er seinen starken Bogen und forderte mich auf, hinter ihn tretend, seine Armmuskeln abzutasten. Sie waren in der Tat so spannungsarm, als ob sie keine Arbeit zu leisten h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Weise der Atmung wurde, zun\u00e4chst ohne Bogen und Pfeil, so lange ge\u00fcbt, bis sie gel\u00e4ufig geworden war. Die leichte Benommenheit, die sich anfangs einstellte, ward rasch \u00fcberwunden. Auf die m\u00f6glichst langsame, dabei stetig dahinflie\u00dfende und allm\u00e4hlich versiegende Ausatmung legte der Meister so gro\u00dfes Gewicht, da\u00df er sie zur Ein\u00fcbung und Kontrolle mit einem Summton verbinden lie\u00df. Und erst, wenn mit dem letzten Hauche auch der Ton erstorben war, durfte wieder Luft gesch\u00f6pft werden. Das Einatmen, sagte der Meister einmal, bindet und verbindet, im Festhalten des Atems geschieht alles Rechte, und das Ausatmen l\u00f6st und vollendet, indem es alle Beschr\u00e4nkung \u00fcberwindet. Aber das konnten wir damals noch nicht verstehen. Unverz\u00fcglich ging der Meister nun dazu \u00fcber, die Atmung, die ja nicht um ihrer selbst willen ge\u00fcbt wird, in Beziehung zum Bogenschie\u00dfen zu bringen. Der einheitliche Vorgang des Spannens und Schie\u00dfens wurde in die Abschnitte: Ergreifen des Bogens &#8211; Auflegen des Pfeiles &#8211; Hochnehmen des Bogens &#8211; Spannen und Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung &#8211; L\u00f6sung des Schusses zerlegt. Jeder von ihnen wurde durch Einatmen eingeleitet, durch Festhalten des heruntergedr\u00fcckten Atems getragen und durch Ausatmen abgeschlossen. Dabei ergab es sich von selbst, da\u00df sich die Atmung einspielte und nicht nur die einzelnen Stellungen und Hantierungen bedeutsam akzentuierte, sondern auch in rhythmischer Gliederung miteinander verwob &#8211; bei einem jeden je nach dem Stande seines Atemk\u00f6nnens. Trotz dieser Zerlegung in Teile mutete daher der Vorgang wie ein Geschehen an, das ganz aus sich und in sich lebt und nicht im entferntesten mit einer turnerischen \u00dcbung verglichen werden kann, der sich beliebig St\u00fccke ansetzen oder wegnehmen lassen, ohne da\u00df dadurch ihr Sinn und Charakter zerst\u00f6rt w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann an jene Tage nicht zur\u00fcckdenken, ohne mich immer wieder daran erinnern zu m\u00fcssen, wie schwer es mir im Anfang fiel, die Atmung sich auswirken zu lassen. Zwar atmete ich technisch richtig, aber wenn ich darauf achtete, da\u00df beim Spannen des Bogens die Arm und Schultermuskeln gelockert blieben, versteifte sich unwillk\u00fcrlich die Muskulatur meiner Beine um so heftiger, wie wenn ich auf festen Halt und sicheren Stand angewiesen w\u00e4re und, Antaeus gleich, alle Kraft aus dem Boden zu saugen h\u00e4tte. Dem Meister blieb vielfach nichts anderes \u00fcbrig, als blitzschnell zuzugreifen und den einen oder anderen Beinmuskel an besonders empfindlicher Stelle schmerzhaft zu dr\u00fccken. Als ich dabei einmal zu meiner Entschuldigung bemerkte, ich bem\u00fchte mich doch gewissenhaft darum, gelockert zu bleiben, erwiderte er: \u201eDas ist es ja eben, da\u00df Sie sich darum bem\u00fchen, da\u00df Sie daran denken. Konzentrieren Sie sich ausschlie\u00dflich auf die Atmung, als ob Sie gar nichts anderes zu tun h\u00e4tten!&#8221; Es dauerte freilich noch eine geraume Weile, bis mir zu erf\u00fcllen gelang, was der Meister forderte. Aber es gelang. Ich lernte, mich so unbek\u00fcmmert in die Atmung zu verlieren, da\u00df ich zuweilen das Gef\u00fchl hatte, nicht selbst zu atmen, sondern, so seltsam dies auch klingen mag, geatmet zu werden. Und wenn ich mich auch in Stunden nachdenklicher Besinnung gegen diese abenteuerliche Vorstellung str\u00e4ubte, konnte ich doch nicht l\u00e4nger mehr daran zweifeln, da\u00df die Atmung hielt, was der Meister versprochen hatte. Dann und wann, und im Laufe der Zeit immer \u00f6fter, gl\u00fcckte es, bei v\u00f6lliger Gelockertheit des ganzen K\u00f6rpers den Bogen zu spannen und bis zum Schlu\u00df in Spannung zu halten, ohne da\u00df ich zu sagen verm\u00f6chte, wie es zuging. Der qualitative Unterschied zwischen diesen wenigen gegl\u00fcckten und den noch immer vielen mi\u00dfgl\u00fcckten Versuchen war dabei so \u00fcberzeugend, da\u00df ich zuzugeben bereit war, nun endlich zu verstehen, was mit \u201egeistigem&#8221; Spannen des Bogens gemeint sein m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Das also war des Pudels Kern: kein technischer Kniff, hinter den zu kommen ich vergeblich versucht hatte, sondern befreiende und neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnende Atmung. Ich spreche dies nicht unbedacht aus. Wei\u00df ich doch, wie nahe in solchen F\u00e4llen die Versuchung kommt, starkem Einflu\u00df zu erliegen und in Selbstt\u00e4uschung befangen die Tragweite einer Erfahrung nur deshalb zu \u00fcbersch\u00e4tzen, weil sie so ungew\u00f6hnlich ist. Allem gr\u00fcbelnden Ausweichen und n\u00fcchterner Zur\u00fcckhaltung zum Trotz aber sprach der durch die neue Atmung herbeigef\u00fchrte Erfolg &#8211; denn im Laufe der Zeit vermochte ich selbst den starken Bogen des Meisters gelockert zu spannen &#8211; eine viel zu deutliche Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer ausf\u00fchrlichen Unterredung fragte ich einmal Herrn Komachiya, weshalb der Meister so lange zusah, wie vergeblich ich mich abm\u00fchte, den Bogen \u201egeistig&#8221; zu spannen; weshalb er also nicht von Anfang an auf die rechte Atmung drang. \u201eEin gro\u00dfer Meister&#8221;, erwiderte er, \u201emu\u00df zugleich ein gro\u00dfer Lehrer sein, dies geh\u00f6rt bei uns ganz selbstverst\u00e4ndlich zusammen. H\u00e4tte er den Unterricht mit Atem\u00fcbungen begonnen, so h\u00e4tte er Sie nie davon zu \u00fcberzeugen vermocht, da\u00df Sie ihnen Entscheidendes verdanken. Sie mu\u00dften erst mit Ihren eigenen Versuchen Schiffbruch erleiden, bevor Sie bereit waren, den Rettungsring zu ergreifen, den er Ihnen zuwarf. Glauben Sie mir, ich wei\u00df aus eigener Erfahrung, da\u00df der Meister Sie und jeden seiner Sch\u00fcler viel besser kennt, als wir uns selbst kennen. Er liest in den Seelen seiner Sch\u00fcler mehr, als sie wahrhaben m\u00f6chten.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_4\">IV<\/h1>\n\n\n\n<p>NACH EINEM JAHR DEN BOGEN \u201egeistig&#8221;, das hei\u00dft machtvoll und doch m\u00fchelos spannen zu k\u00f6nnen, ist kein ersch\u00fctterndes Ergebnis. Und doch gab ich mich damit zufrieden, fing ich doch an zu begreifen, weshalb man die in ein System gebrachte Selbstverteidigung, welche den Gegner dadurch zu Fall bringt, da\u00df man seinem leidenschaftlich vorgetragenen Angriff unvermutet und ohne jeden Kraftaufwand elastisch nachgibt und so erreicht, da\u00df sich seine Kraft gegen ihn selbst kehrt &#8211; weshalb man also diese Weise der Selbstverteidigung als \u201esanfte Kunst&#8221; bezeichnet und seit unvordenklichen Zeiten als ihr Urbild das ausweichende und doch niemals weichende Wasser ansieht, so da\u00df Laotse tiefsinnig sagen kann, das rechte Leben gleiche dem Wasser, welches zu allem passend sich allem anpa\u00dft. Hinzu kam, da\u00df in der Schule des Meisters das Wort umging: wer sich am Anfang leicht tut, tut sich sp\u00e4ter um so schwerer. Mir war der Anfang reichlich schwer gefallen. Hatte ich daher nicht die Aussicht, angesichts alles dessen, was mir bevorstand und dessen Schwierigkeit ich dunkel ahnte, zuversichtlich sein zu d\u00fcrfen?<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes kam das L\u00f6sen des Schusses an die Reihe. Bisher durften wir es aufs Geratewohl vollziehen. Es stand, gleichsam eingeklammert, am Rande der \u00dcbungen. Und was mit dem Pfeile geschah, war noch gleichg\u00fc ltiger gewesen. Wenn er nur in die Walze aus ge pre\u00dftem Stroh, welche Zielscheibe und Sandaufsch\u00fcttung zugleich vertrat, eindrang, war dem Erforderlichen schon Gen\u00fcge getan. Sie zu treffen ist kein Kunstst\u00fcck, da man ihr in einer Entfernung von h\u00f6chstens zwei Metern gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte also bisher die Bogensehne einfach losgelassen, wenn das Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung unertr\u00e4glich geworden war, wenn ich f\u00fchlte, da\u00df ich nachgeben mu\u00dfte, sollten die auseinanderstrebenden H\u00e4nde nicht zusammengezogen werden. Dabei ist die Spannung nicht etwa schmerzhaft. Ein Lederhandschuh mit versteiftem und dickgepolstertem Daumen sorgt daf\u00fcr, da\u00df der Druck der Sehne auch auf die Dauer nicht als l\u00e4stig empfunden und somit das Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung nicht vorzeitig abgek\u00fcrzt wird. Beim Spannen wird der Daumen unterhalb des Pfeiles um die Bogensehne herumgelegt und eingeschlagen, Zeige-, Mittel und Ringfinger greifen \u00fcber ihn, umschlie\u00dfen ihn fest und geben damit zugleich dem Pfeil sicheren Halt. L\u00f6sen des Schusses hei\u00dft dann: Die den Daumen umschlie\u00dfenden Finger \u00f6ffnen sich und geben ihn frei. Durch den gewaltigen Zug der Sehne wird er aus seiner Lage gerissen, gestreckt, und die Sehne schwirrt, der Pfeil schnellt los. Hatte ich bisher den Schu\u00df gel\u00f6st, so war dies nie ohne kr\u00e4ftigen Ruck abgegangen, der sich in sp\u00fcrbarer und sichtbarer Ersch\u00fctterung des ganzen K\u00f6rpers auswirkte und in sie auch Bogen und Pfeil einbezog. Da\u00df es so zu keinem glatten und vor allem zu keinem sicheren Schu\u00df kommen konnte, versteht sich von selbst. Er mu\u00dfte zwangsl\u00e4ufig verwackelt werden. \u201eAlles, was Sie bisher erlernt haben,&#8221; sagte der Meister eines Tages, als er an meiner Art, den Bogen gelockert zu spannen, nichts mehr aus zusetzen fand, \u201ewar nur Vorbereitung f\u00fcr das L\u00f6sen des Schusses. Wir stehen somit jetzt vor einer neuen, besonders schwierigen Aufgabe und kommen zugleich auf eine neue Stufe der Kunst des Bogenschie\u00dfens.&#8221; Nach diesen Worten ergriff er seinen Bogen, spannte und scho\u00df. Erst jetzt, eigens darauf hingewiesen, entging mir nicht mehr, da\u00df die rechte Hand des Meisters, pl\u00f6tzlich ge\u00f6ffnet und von der Spannung befreit, zwar ruckartig zur\u00fcckschnellte, aber nicht die geringste Ersch\u00fctterung des K\u00f6rpers hervorrief.<\/p>\n\n\n\n<p>Der rechte Arm, der vor dem Schu\u00df einen spitzen Winkel bildete, wurde zwar aufgerissen, lief aber sanft in die Streckung aus. Der unvermeidliche Ruck war also elastisch abgefangen und ausgeglichen. Wenn sich die Gewalt des Abschusses weder in dem scharfen Schlag der aufprallenden Bogensehne noch in der Durchschlagskraft des Pfeiles verriete, w\u00fcrde man sie hinter dem Vorgang des Abschie\u00dfens nie vermuten. Beim Meister wenigstens sah das L\u00f6sen des Schusses so einfach und anspruchslos aus, als sei es ein blo\u00dfes Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00fchelosigkeit eines kraftvollen Geschehens ist zweifellos ein Anblick, f\u00fcr dessen Sch\u00f6nheit gerade der Ostasiate \u00fcberaus empf\u00e4nglich und dankbar ist. Mir indessen schien &#8211; und auf der Stufe, auf der ich damals stand, konnte mir nichts anderes einleuchten &#8211; der Umstand noch wichtiger zu sein, da\u00df von dem glatten L\u00f6sen des Schusses die Sicherheit des Treffens abh\u00e4nge. Vom Gewehrschie\u00dfen her wu\u00dfte ich, wie viel es ausmacht, durch Zucken von der Visierlinie auch nur im mindesten abzukommen. Alles bisher Gelernte und Geleistete wurde mir nur unter diesem Gesichtspunkt verst\u00e4ndlich: Gelockertheit beim Spannen, gelockertes Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung, gelockertes L\u00f6sen des Schusses, gelockertes Abfangen der ruckartigen Ersch\u00fctterung &#8211; stand nicht dies alles im Dienste der Treffsicherheit und folglich des Zweckes, um dessentwillen mit so viel M\u00fche und Geduld das Bogenschie\u00dfen erlernt wird? Weshalb hatte dann aber der Meister so gesprochen, als handle es sich nunmehr um einen Vorgang, der \u00fcber alles bisher Ge\u00fcbte und \u00dcbliche weit hina usliege? Wie dem auch immer sei, ich \u00fcbte nach den Anordnungen des Meisters flei\u00dfig und gewissenhaft, und doch war alle M\u00fche vergebens. Es kam mir oft so vor, als h\u00e4tte ich fr\u00fcher, solange ich noch unbefangen den Schu\u00df auf gut Gl\u00fcck l\u00f6ste, besser geschossen. Vor allem bemerkte ich jetzt, da\u00df das \u00f6ffnen der rechten Hand, zun\u00e4chst der \u00fcber den Daumen gepre\u00dften Finger, nicht ohne Anstrengung gelang. Die Folge war ein Ruck im Augenblick des Abschusses, der den Schu\u00df verwackelte. Und noch weniger war ich dazu imstande, den Ruck der pl\u00f6tzlich befreiten Hand federnd abzufangen. Der Meister f\u00fchrte das rechte L\u00f6sen des Schusses unentwegt vor; unentwegt versuchte ich es ihm gleich zu tun &#8211; mit dem einzigen Erfolg, da\u00df ich nur noch unsicherer wurde. Es schien mir wie dem Tausendf\u00fc\u00dfler zu gehen, der sich nicht mehr zu bewegen vermochte, seit er sich den Kopf dar\u00fcber -27- zerbrochen hatte, in welcher Reihenfolge er seine F\u00fc\u00dfe rege. \u00dcber mein Versagen war der Meister offenbar weniger entsetzt als ich selbst. Wu\u00dfte er aus Erfahrung, da\u00df es dahin kommen w\u00fcrde? \u201eDenken Sie nicht an das, was Sie zu tun haben, \u00fcberlegen Sie nicht, wie es auszuf\u00fchren sei!&#8221; rief er mir zu. \u201eDer Schu\u00df wird ja nur dann glatt, wenn er den Sch\u00fctzen selbst \u00fcberrascht. Es mu\u00df sein, wie wenn die Bogensehne den Daumen, der sie festh\u00e4lt, j\u00e4hlings durchschnitte. Sie d\u00fcrfen also die rechte Hand nicht absichtlich \u00f6ffnen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgten Wochen und Monate fruchtlosen \u00dcbens. AUS der Weise des meisterlichen Schie\u00dfens konnte ich immer wieder den Ma\u00dfstab entnehmen, das Wesen des rechten Schusses er- schauen. Nur gelang mir kein einziger. Gab ich, vergebens auf den Schu\u00df wartend, der Spannung nach, weil sie unertr\u00e4glich zu werden anfing, so wurden meine H\u00e4nde langsam einander gen\u00e4hert, und es kam \u00fcberhaupt zu keinem Schu\u00df. Widerstand ich ihr verbissen bis zu ersch\u00f6pfender Atemnot, so ging dies nicht anders als dadurch, da\u00df ich die Arm- und Schultermuskeln zu Hilfe rief. Ich stand dann zwar unbeweglich da &#8211; wie eine Statue, spottete der Meister -, aber verkrampft und die Gelockertheit war verschwunden. Vielleicht war es Zufall, vielleicht vom Meister absichtlich herbeigef\u00fchrt, da\u00df wir uns eines Tages zu einer Tasse Tee zusammenfanden. Ich ergriff die erw\u00fcnschte Gelegenheit zu einer Aussprache und sch\u00fcttete mein Herz aus. \u201eIch verstehe wohl,&#8221; sagte ich, \u201eda\u00df die Hand nicht ruckartig ge\u00f6ffnet werden darf, soll der Abschu\u00df nicht verdorben werden. Aber wie ich es auch anstelle, immer ist es verkehrt. Schlie\u00dfe ich die Hand so fest wie m\u00f6glich, ist das R\u00fctteln beim \u00f6ffnen unvermeidlich. Be m\u00fche ich mich dagegen, sie locker zu lassen, wird die Bogensehne, noch bevor die volle Spannweite erreicht ist, zwar unversehens, aber dennoch zu fr\u00fch, herausgerissen. Zwischen diesen beiden Weisen des Versagens bewege ich mich hin und her und finde keinen Ausweg. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie m\u00fcssen&#8221;, erwiderte der Meister, \u201edie ge spannte Bogensehne etwa so halten wie ein kleines Kind den dargebotenen Finger. Es h\u00e4lt ihn so fest umschlossen, da\u00df man sich \u00fcber die Kraft der winzigen Faust immer wieder wundert. Und wenn es den Finger losl\u00e4\u00dft, geschieht es ohne den leisesten Ruck. Wissen Sie weshalb? Weil das Kind nicht denkt &#8211; etwa so: jetzt lasse ich den Finger los, um dies andere Ding da zu ergreifen. V\u00f6llig un\u00fcberlegt und unabsicht lich vielmehr wendet es sich vom einen zum anderen, und man m\u00fc\u00dfte sagen, da\u00df es mit den Dingen spiele, wenn nicht ebenso zutr\u00e4fe, da\u00df die Dinge mit dem Kinde spielen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht verstehe ich, was Sie mit diesem Vergleich andeuten wollen,&#8221; bemerkte ich. \u201eAber befinde ich mich nicht in einer v\u00f6llig anderen Situation? Wenn ich den Bogen ge spannt habe, kommt der Augenblick, in dem ich f\u00fchle: wenn der Schu\u00df nicht sofort f\u00e4llt, kann ich die Spannung nicht mehr aushaken. Und was geschieht nun unversehens? Einzig und allein dies, da\u00df mich Atemnot \u00fcberf\u00e4llt. Ich mu\u00df also selbst den Schu\u00df l\u00f6sen, gehe es wie es wolle, weil ich nicht l\u00e4nger auf ihn warten kann.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie haben nur zu gut beschrieben&#8221;, erwiderte der Meister, \u201ewo f\u00fcr Sie die Schwierigkeit liegt. Wissen Sie, weshalb Sie auf den Abschu\u00df nicht warten k\u00f6nnen und weshalb der Atem in Not ger\u00e4t, bevor er gefallen ist? Der rechte Schu\u00df im rechten Augenblick bleibt aus, weil Sie nicht von sich selbst loskommen. Sie spannen sich nicht auf die Erf\u00fcllung hin, sondern warten auf Ihr Versagen. Solange dem so ist, bleibt Ihnen keine andere Wahl, als ein von Ihnen unabh\u00e4ngiges Geschehen selbst hervorzurufen, und solange Sie es hervorrufen, \u00f6ffnet sich Ihre Hand nicht in der rechten Weise &#8211; wie die Hand eines Kindes; sie platzt nicht auf, wie die Schale einer reifen Frucht.&#8221; Ich mu\u00dfte dem Meister eingestehen, da\u00df diese Deutung mich noch mehr verwirrte. \u201eDenn schlie\u00dflich&#8221;, gab ich zu bedenken, \u201espanne ich den Bogen und l\u00f6se ich den Schu\u00df, um das Ziel zu treffen. Das Spannen ist also Mittel zum Zweck. Und diese Beziehung kann ich nicht aus dem Auge verlieren. Das Kind kennt sie noch nicht, ich aber kann sie nicht mehr ausschalten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie rechte Kunst&#8221;, rief da der Meister aus, \u201eist zwecklos, absichtslos! Je hartn\u00e4ckiger Sie dabei bleiben, das Abschie\u00dfen des Pfeiles erlernen zu wollen, damit Sie das Ziel sicher treffen, um so weniger wird das eine gelingen, um so ferner das andere r\u00fccken. Es steht Ihnen im Wege, da\u00df Sie einen viel zu willigen Willen haben. Was Sie nicht tun, das, meinen Sie, ge schehe nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Sie selbst haben doch oft genug gesagt&#8221;, warf ich ein, \u201eBogenschie\u00dfen sei kein Zeitvertreib, kein zweckloses Spiel, sondern eine Angelegenheit auf Leben und Tod.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDabei bleibe ich durchaus. Wir Bogenmeister sagen:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schu\u00df &#8211; ein Leben! Was dies bedeutet, k\u00f6nnen Sie jetzt noch nicht verstehen, aber vielleicht hilft Ihnen ein anderes Bild, welches dieselbe Erfahrung ausdr\u00fcckt. Wir Bogenmeister sagen: mit dem oberen Ende des Bogens durchst\u00f6\u00dft der Bogensch\u00fctze den Himmel, am unteren Ende h\u00e4ngt, mit einem Seidenfaden befestigt, die Erde. Wird der Schu\u00df mit starkem Ruck gel\u00f6st, besteht die Gefahr, da\u00df der Faden zerrei\u00dft. F\u00fcr den Absichtlichen und Gewaltt\u00e4tigen wird dann die Kluft endg\u00fcltig, und der Mensch verbleibt in der heillosen Mitte zwischen Himmel und Erde.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas habe ich also zu tun?&#8221; fragte ich nachdenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie m\u00fcssen das rechte Warten erlernen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wie erlernt man das?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn dem Sie loskommen von sich selbst, so entschieden sich selbst und all das Ihre hinter sich lassen, da\u00df von Ihnen nichts mehr \u00fcbrigbleibt als das absichtslose Gespanntsein.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch soll also mit Absicht absichtslos werden&#8221;, entfuhr es mir.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo hat mich noch kein Sch\u00fcler gefragt, und ich wei\u00df daher die rechte Antwort nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wann beginnen wir mit diesen neuen \u00dcbungen? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarten Sie, bis es an der Zeit ist!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_5\">V<\/h1>\n\n\n\n<p>ES VERSTEHT SICH VON SELBST, da\u00df mich dieses Gespr\u00e4ch &#8211; das erste ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4ch seit Beginn des Unterrichts &#8211; au\u00dferordentlich betroffen ge macht hat. Jetzt endlich wurde das Thema ber\u00fchrt, um dessentwillen ich mir das Bogenschie\u00dfen zu erlernen vorgenommen hatte. Lag nicht diese Losl\u00f6sung von sich selbst, von welcher der Meister gesprochen hatte, auf dem Wege zur Leere und Abgeschiedenheit? War ich somit nicht an die Stelle gekommen, an welcher der Einflu\u00df des Zen auf die Kunst des Bogenschie\u00dfens f\u00fchlbar zu werden begann? In welcher Beziehung das absichtslose Wartenk\u00f6nnen zum L\u00f6sen des Schusses im rechten Augenblick, in dem die Spannung erf\u00fcllt ist, stehen k\u00f6nnte, vermochte ich freilich vorl\u00e4ufig nicht zu deuten. Aber wozu auch in Gedanken vorwegnehmen wollen, was nur Erfahrung lehren kann? War es nicht h\u00f6chste Zeit, diesen unfruchtbaren Hang abzulegen? Wie oft schon hatte ich im stillen die vielen Sch\u00fcler des Meisters beneidet, die sich wie Kinder von ihm bei der Hand nehmen und f\u00fchren lie\u00dfen. Wie begl\u00fcckend mu\u00df es sein, dies ohne Vorbehalt tun zu k\u00f6nnen. Zu Gleichg\u00fcltigkeit und geistiger L\u00e4hmung braucht dies Verhalten nicht zu f\u00fchren. D\u00fcrfen Kinder nicht wenigstens &#8211; viel fragen?<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Unterricht sstunde setzte der Meister die bisherigen \u00dcbungen &#8211; Spannen des Bogens, Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung, L\u00f6sen des Schusses &#8211; zu meiner Entt\u00e4uschung fort. Aber all sein gutes Zureden half nichts. Zwar versuchte ich, seiner Anweisung entsprechend, der Spannung nicht nachzugeben, sondern \u00fcber sie hinauszustreben, wie wenn ihr durch die Natur des Bogens keine Grenzen ge setzt seien; zwar bem\u00fchte ich mich zu warten, bis sich die Spannung im Schu\u00df zugleich erf\u00fclle und l\u00f6se, aber dennoch mi\u00dfriet jeder Schu\u00df: herbeigew\u00fcnscht, herbeigef\u00fchrt, verwackelt. Erst als es dahin gekommen war, da\u00df die Fortsetzung dieser \u00dcbungen nicht nur unfruchtbar, sondern gef\u00e4hrlich zu werden drohte, weil sie immer mehr mit dem Vorgef\u00fchl des Mi\u00dflingens belastet war, brach der Meister ab, um eine v\u00f6llig neue Reihe zu beginnen. \u201eWenn Sie in Zukunft zum Unterricht kommen&#8221;, ermahnte er uns, \u201em\u00fcssen Sie sich schon unterwegs sammeln. Stellen Sie sich auf das ein, was hier im \u00dcbungsraum geschieht! Gehen Sie an allem, ohne es zu beachten, vor\u00fcber, als g\u00e4be es in der Welt nur eines, das wichtig und wirklich ist, n\u00e4mlich das Bogenschie\u00dfen!&#8221; Auch den Weg der Losl\u00f6sung von sich selbst zerlegte der Meister in einzelne Abschnitte, die sorgsam durchge\u00fcbt werden mu\u00dften. Und auch hier begn\u00fcgte er sich mit kurzen Andeutungen. Reicht es doch f\u00fcr die Ausf\u00fchrung dieser \u00dcbungen aus, wenn der \u00dcbende versteht, ja streckenweise sogar nur ahnt, was von ihm verlangt wird. Es besteht daher kein Bed\u00fcrfnis, die althergebrachten bildhaften Unterscheidungen begrifflich scharf zu fassen. Und wer wei\u00df, ob sie, aus jahrhundertealter Praxis geboren, in mancher Hinsicht nicht tiefer sehen, als alles noch so sorgf\u00e4ltig abgewogene Wissen. Der erste Schritt auf diesem Wege ist vordem schon getan worden. Er hat zu k\u00f6rperlicher Gelockertheit gef\u00fchrt, ohne welche sich das rechte Spannen des Bogens nicht ergibt. Damit die rechte L\u00f6sung des Schusses gelinge, mu\u00df die k\u00f6rperliche Gelockertheit nunmehr in seelischgeistiger Lockerung fortgef\u00fchrt werden zu dem Ende, den Geist nicht nur beweglich, sondern frei zu machen: beweglich um der Freiheit willen, frei um urspr\u00fcnglicher Beweglichkeit willen; und diese urspr\u00fcngliche Beweglichkeit ist von alledem, was man sonst unter geistiger Beweglichkeit zu verstehen pflegt, wesenhaft verschieden. So liegt zwischen den beiden Zust\u00e4nden k\u00f6rperlicher Gelockertheit einerseits, geistiger Freiheit andererseits ein Niveauunterschied, der nicht mehr durch die Atmung allein, sondern nur durch ein Sichzur\u00fccknehmen aus allen wie auch immer gearteten Bindungen, durch ein Ichloswerden von Grund aus, \u00fcberwunden werden kann: so da\u00df die Seele, in sich selbst versunken, in der Vollmacht ihres namenlosen Ursprungs steht. Der Forderung, zun\u00e4chst das Tor der Sinne zu schlie\u00dfen, wird nicht durch energisches Sichabwenden gen\u00fcgt, vielmehr durch die Bereitwilligkeit, widerstandslos auszuweichen. Damit aber dieses nicht handelnde Verhalten instinktiv gelinge, bedarf die Seele eines inneren Haltes, und sie gewinnt ihn durch Konzentration auf die Atmung. Sie wird bewu\u00dft und ge radezu pedantisch gewissenhaft vollzogen. Das Atemholen wie das Ausatmen wird je und je f\u00fcr sich genommen und sorgf\u00e4ltig ausgef\u00fchrt. Der Erfolg dieser \u00dcbung l\u00e4\u00dft nicht zu lange auf sich warten. Je intensiver die Konzentration auf die Atmung ausf\u00e4llt, um so mehr verblassen \u00e4u\u00dfere Reize. Sie versinken in einem verschwommenen Rauschen, dem man zun\u00e4chst nur noch mit halbem Ohr zuh\u00f6rt, um es am Ende so wenig mehr als st\u00f6rend zu empfinden wie etwa das Meeresrauschen, das man, hat man sich einmal daran gew\u00f6hnt, kaum mehr vernimmt. Im Laufe der Zeit wird man selbst gegen betr\u00e4chtliche Reize immun, und zugleich stellt sich die Unabh\u00e4ngigkeit von ihnen immer leichter und rascher ein. Man hat nur darauf zu achten, da\u00df der K\u00f6rper im Stehen, Sitzen oder Liegen m\u00f6glichst gelockert sei, und konzentriert man sich dann auf die Atmung, so f\u00fchlt man sich bald wie durch undurchl\u00e4ssige H\u00fcllen isoliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur da\u00df man atme, wei\u00df und f\u00fchlt man noch. Von diesem Gef\u00fchl und Wissen sich loszul\u00f6sen, ist kein frischer Entschlu\u00df n\u00f6tig, denn ganz von selbst verlangsamt sich die Atmung, wird im Verbrauch von Atem immer sparsamer und entzieht zuletzt, in gleitenden \u00dcberg\u00e4ngen sich verwischend und eint\u00f6nig gewor- den, der Aufmerksamkeit jeglichen Halt. Dieser sch\u00f6ne Zustand des unbetroffenen Insichweilens ist f\u00fcrs erste leider nicht von Dauer. Er droht von innen her zerst\u00f6rt zu werden. Wie aus dem Nichts entspringend, tauchen unversehens Stimmungen, Gef\u00fchle, W\u00fcnsche, Sorgen, ja sogar Gedanken in sinnloser Mischung auf, und je entlegener und befremdender sie sind und je weniger sie mit dem zu tun haben, wof\u00fcr man die Bewu\u00dftheit aufs Spiel setzt, um so hartn\u00e4ckiger h\u00e4ngen sie sich ein. Es ist, wie wenn sie sich daf\u00fcr r\u00e4chen wollten, da\u00df die Konzentration Bereiche anr\u00fchrt, die sie sonst nicht erreicht. Allein auch hier gelingt es, diese St\u00f6rung dadurch unwirksam zu machen, da\u00df man, ruhig und unbek\u00fcmmert fortatmend, sich mit dem, was zum Vorschein kommt, freundlich einl\u00e4\u00dft, sich daran gew\u00f6hnt, ihm gleichm\u00fctig zuzusehen lernt und des Zusehens endlich m\u00fcde wird. So gelangt man allm\u00e4hlich in einen Zustand, der dem gel\u00f6sten Hind\u00e4mmern unmittelbar vor dem Einschla fen gleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihn endg\u00fcltig zu entgleiten, ist die Gefahr, der ausgewichen werden mu\u00df. Man begegnet ihr durch einen eigenartigen Sprung der Konzentration, dem Ruck vielleicht vergleichbar, den ein \u00dcbern\u00e4chtigter sich gibt, der wei\u00df, da\u00df von der Wachheit aller seiner Sinne sein Leben abh\u00e4ngt; und wenn dieser Sprung ein einziges Mal gelungen ist, l\u00e4\u00dft er sich mit Sicherheit wiederholen. Durch ihn wird die Seele wie von selbst in ein unbek\u00fcmmertes Insichselbstschwingen \u00fcberf\u00fchrt, das, steigerungsf\u00e4hig, sich geradezu zu dem sonst nur noch in seltenen Tr\u00e4umen erfahrenen Gef\u00fchl unerh\u00f6rter Leichtigkeit und der begl\u00fcckenden Gewi\u00dfheit potenziert, nach jeder beliebigen Richtung hin Energien wachrufen, in abgestufter Anpassung Spannungen steigern und l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Dieser Zustand, in dem nichts Bestimmtes mehr gedacht, geplant, erstrebt, erw\u00fcnscht, erwartet wird, der nach keiner besonderen Richtung zielt und dennoch aus unabgelenkter Kraftf\u00fclle sich zu M\u00f6glichem wie Unm\u00f6glichem geschickt wei\u00df &#8211; dieser Zustand, der von Grund aus absichtslos und ichlos ist, wird vom Meister als eigentlich \u201egeistig&#8221; bezeichnet. Er ist in der Tat mit geistiger Wachheit geladen und wird daher auch \u201erechte Geistesgegenwart&#8221; genannt. Der Geist, bedeutet dies, ist \u00fcberall gegenw\u00e4rtig, weil er nirgendwo, an keiner besonderen Stelle, haftet. Und er kann gegenw\u00e4rtig bleiben, weil er, auch wenn er sich auf dieses oder jenes bezieht, daran nicht \u00fcberlegend h\u00e4ngen und dadurch seine urspr\u00fcngliche Beweglichkeit ein- b\u00fc\u00dfen wird. Vergleichbar dem Wasser, das einen Teich f\u00fcllt, aber jederzeit bereit ist abzuflie\u00dfen, kann er je und je in seiner unersch\u00f6pflichen Kraft wirken, weil er frei, und allem sich \u00f6ffnend, weil er leer ist. Dieser Zustand ist recht eigentlich ein Urst\u00e4nd, und sein Sinnbild, ein leerer Kreis, schweigt den, der in ihm steht, nicht an. Aus dieser durch keine noch so versteckte Absichtlichkeit gest\u00f6rten Vollmacht seiner Geistesgegenwart mu\u00df daher der aus allen Bindungen Gel\u00f6ste jegliche Kunst aus\u00fcben. Aber damit er sich selbstvergessen in das gestaltende Geschehen einf\u00fcgen k\u00f6nne, mu\u00df die Aus\u00fcbung der Kunst angebahnt werden. Denn s\u00e4he der in sich Versunkene sich einer Situation gegen\u00fcbergestellt, in die er nicht instinktiv einspringen kann, so m\u00fc\u00dfte er sie sich erst zu Bewu\u00dftsein bringen. Er tr\u00e4te somit in alle jene Beziehungen wieder ein, von denen er sich losgel\u00f6st hatte; er gliche einem Erwachten, der sein Tagesprogramm \u00fcberdenkt, nicht aber einem Erweckten, der im Urst\u00e4nd lebt und aus ihm wirkt. Es k\u00e4me ihm dann nie so vor, als ob sich ihm die einzelnen Glieder des Leistungsvorganges wie durch h\u00f6here F\u00fcgung in die H\u00e4nde spielten; er erf\u00fchre nie, wie rauschartig sich der Schwung eines Geschehens dem, der selbst nur ein Schwingen ist, mitzuteilen vermag, und wie alles, was er tut, getan ist, noch ehe er es wei\u00df. Die geforderte Losl\u00f6sung und Selbstbefreiung, die Verinnerlichung und Verdichtung des Lebens zu voller Geistesgegenwart wird daher, je mehr von ihr abh\u00e4ngt, desto weniger g\u00fcnstigen Anlagen oder gar dem Zufall \u00fcberlassen, auch nicht auf gut Gl\u00fcck dem alle Kr\u00e4fte beanspru- chenden Proze\u00df des Gestaltens und damit zugleich der Zuversicht \u00fcberantwortet, die erforderliche Konzentration stelle sich schon von selbst ein. Vor allem Tun und Leisten vielmehr, vor allem Sichhingeben und Sicheinf\u00fcgen wird diese Geistesgegenwart hervorgerufen und durch Ein\u00fcbung sichergestellt. Jedoch von der Stunde an, in der es gelingt, ihrer nicht nur je und je habhaft zu werden, sondern sie in wenigen Augenblicken zu gewinnen, wird die Konzentration, wie vordem die Atmung, in Verbindung mit dem Bogenschie\u00dfen gebracht. Das spielende Hingleiten in den Vorgang des Spannens des Bogens und der L\u00f6sung des Schusses wird dadurch angebahnt, da\u00df sich der Sch\u00fctze, der seitw\u00e4rts kniend sich zu konzentrieren beginnt, durch feierliches Schreiten vor das Ziel bringt, nach tiefer Verneigung Bogen und Pfeil wie Weihegeschenke darbietet, dann den Pfeil auflegt, den Bogen hochnimmt, ihn spannt und in h\u00f6chster geistiger Wachheit wartend verweilt. Nach der blitzartigen L\u00f6sung des Schusses und damit zugleich der Spannung verharrt der Sch\u00fctze in der Stellung, die er unmittelbar nach dem Schu\u00df einnimmt, so lange, bis er nach langgedehnter Ausatmung wieder Luft holen mu\u00df. Dann erst l\u00e4\u00dft er die Arme sinken, verneigt er sich vor dem Ziel und tritt, wenn er nicht mehrere Sch\u00fcsse abgegeben hat, gelassen in den Hintergrund. Das Bogenschie\u00dfen ist damit zu einer Zeremonie geworden, welche die \u201eGro\u00dfe Lehre&#8221; auslegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn der Sch\u00fcler in diesem Stadium noch nicht die Tragweite seiner Sch\u00fcsse begreift, versteht er dennoch endg\u00fcltig, weshalb Bogenschie\u00dfen kein Sport, keine turnerische \u00dcbung sein kann. Er versteht, weshalb das technisch Erlernbare daran bis zum \u00dcberdru\u00df gewissenhaft einge\u00fcbt werden mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn alles davon abh\u00e4ngt, da\u00df man sich v\u00f6llig selbstvergessen und absichtslos dem Geschehen einf\u00fcge, mu\u00df sich sein \u00e4u\u00dferer Vollzug wie von selbst abspielen, keiner lenkenden und kontrollierenden \u00dcberlegung bed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_6\">VI<\/h1>\n\n\n\n<p>ZU DIESER BEDINGUNGSLOSEN Beherrschung der Formen erzieht in der Tat der japanische Unterricht. Ein\u00fcben, Wiederholen und Wiederholung des Wie derholten sind in fortschreitender Steigerung auf weite Strecken hinaus seine Kennzeichen. F\u00fcr alle traditionsgebundenen K\u00fcnste wenigstens trifft dies zu. Vorf\u00fchren, Vorbilden; Sicheinf\u00fchlen, Nachahmen &#8211; das ist die fundamentale Relation des Unterweisens, obgleich in den letzten Menschenaltern mit der Einf\u00fchrung neuer Unterrichtsf\u00e4cher auch europ\u00e4ische Unterrichtsmethoden Fu\u00df gefa\u00dft haben und mit unleugbarem Verst\u00e4ndnis gehandhabt werden. Woher kommt es, da\u00df trotz aller anf\u00e4nglichen Begeisterung f\u00fcr das Neue die japanischen K\u00fcnste von diesen Unterrichtsformen im wesentlichen unbehelligt geblieben sind? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Dennoch soll sie, wenn auch nur in groben Umrissen, in der Absicht versucht werden, den Stil der Unterweisung und damit den Sinn des Nachahmens noch sch\u00e4rfer zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der japanische Sch\u00fcler bringt dreierlei mit: gute Erziehung, leidenschaftliche Liebe zu der von ihm gew\u00e4hlten Kunst und kritiklose Verehrung des Lehrers. Das Lehrer-Sch\u00fcler-Ver- h\u00e4ltnis geh\u00f6rt seit altersher zu den grundlegenden Bindungen des Lebens und schlie\u00dft daher hohe Verantwortung des Lehrers in sich ein, weit \u00fcber den Rahmen seines Unterrichtsfaches hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst wird vom Sch\u00fcler nichts anderes verlangt, als da\u00df er gewissenhaft nachmacht, was der Lehrer vorf\u00fchrt. Langatmigen Belehrungen und Begr\u00fcndungen abhold, beschr\u00e4nkt dieser sich auf knappe Anweisungen und rechnet nicht damit, da\u00df der Sch\u00fcler Fragen stellt. Er sieht gelassen den tastenden Bem\u00fchungen zu, ohne Selbst\u00e4ndigkeit und Unternehmungslust zu erhoffen und hat die Geduld, das Wachsen und Reifen abzuwarten. Beide haben Zeit, der Lehrer dr\u00e4ngt nicht, und der Sch\u00fcler greift nicht hastig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Weit davon entfernt, in dem Sch\u00fcler vorzeitig den K\u00fcnstler wecken zu wollen, h\u00e4lt es der Lehrer f\u00fcr seine erste Aufgabe, aus ihm einen K\u00f6nner zu machen, der das Handwerkliche souver\u00e4n beherrscht. Dieser Absicht kommt der Sch\u00fcler durch unerm\u00fcdlichen Flei\u00df entgegen. Als stelle er keine h\u00f6heren Anspr\u00fcche, l\u00e4\u00dft er sich wie in stumpfer Ergebenheit beladen, um erst im La ufe der Jahre die Erfahrung zu machen, da\u00df Formen, die er vollkommen beherrscht, nicht mehr bedr\u00fccken, sondern befreien. Er wird von Tag zu Tag f\u00e4higer, allen Eingebungen technisch m\u00fchelos folgen zu k\u00f6nnen, aber auch, sich aus gewissenhaftester Be obachtung Eingebungen zuflie\u00dfen zu lassen. Die Hand etwa, die den Pinsel f\u00fchrt, hat in demselben Augenblick, in dem der Geist zu formen beginnt, schon getroffen und vollbracht, was ihm vorschwebt, und am Ende wei\u00df der Sch\u00fcler nicht mehr, wer von beiden, ob der Geist oder die Hand, das Werk verantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber damit es dahin komme, da\u00df K\u00f6nnen also \u201egeistig&#8221; werde, ist, wie in der Kunst des Bo genschie\u00dfens, eine Konzentration aller k\u00f6rperlichen und seelischen Kr\u00e4fte erforderlich, auf die, um es an neuen Beispielen zu zeigen, unter keinen Umst\u00e4nden verzichtet werden kann. Ein Tuschemaler nimmt vor seinen Sch\u00fclern Platz. Er pr\u00fcft die Pinsel und legt sie bed\u00e4chtig bereit, reibt sorgsam Tusche, r\u00fcckt die lange schmale Papierbahn, die vor ihm auf der Matte liegt, zurecht, um dann endlich, nach l\u00e4ngerem Verweilen in tiefer Konzentration, in der er wie unber\u00fchrbar erscheint, aus raschen, unbedingt treffsicheren Strichen ein Bild entstehen zu lassen, das keiner Korrektur mehr f\u00e4hig und bed\u00fcrftig, den Sch\u00fclern als Vorlage dient. Ein Blumenmeister beginnt den Unterricht damit, da\u00df er den Bast, der Blumen und Bl\u00fctenzweige b\u00fcndelt, behutsam l\u00f6st und sorgf\u00e4ltig aufgerollt beiseite legt. Er mustert sodann die einzelnen Zweige, w\u00e4hlt in wiederholter Pr\u00fcfung die besten aus, gibt ihnen durch achtsames Zurechtbiegen die Form, der sie je nach ihrer Rolle entsprechen m\u00fcssen, und stellt sie endlich in einer ausgesuchten Vase zusammen. Das vollendete Gebilde sieht so aus, als h\u00e4tte der Meister erraten, was die Natur in dunkeln Tr\u00e4umen ahnt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen beiden F\u00e4llen, auf die ich mich beschr\u00e4nken m\u00f6chte, verhalten sich die Meister so, als seien sie allein. Sie g\u00f6nnen den Sch\u00fclern kaum einen Blick, noch weniger ein Wort. Die vorbereitenden Hantierungen f\u00fchren sie versonnen und geruhsam aus, in den Vorgang des Bildens und Gestaltens verlieren sie sich selbstvergessen, und beiden erscheint er, von den ersten einleitenden Verrichtungen ab bis zum vollendeten Werk, als ein in sich geschlossenes Geschehen. Es besitzt auch in der Tat so hohe Ausdruckskraft, da\u00df es wie ein Bild auf den Beschauer wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weshalb aber l\u00e4\u00dft der Lehrer die nun einmal unvermeidlichen, aber doch durchaus unterge ordneten Vorarbeiten nicht etwa durch einen erfahrenen Sch\u00fcler erledigen? Befl\u00fcgelt es denn seine k\u00fcnstlerische Schau- und Gestaltungskraft, wenn er die Tusche selbst reibt, wenn er den Bast, anstatt ihn hastig aufzuschneiden und achtlos wegzuwerfen, so umst\u00e4ndlich l\u00f6st? Und was bewegt ihn dazu, in jeder Unterrichtsstunde mit derselben unerbittlichen Ein- dringlichkeit diesen Vorgang ohne jeden Ab strich geradezu pedantisch zu wiederholen und von den Sch\u00fclern nachahmen zu lassen? Erh\u00e4lt deshalb an dem \u00fcberlieferten Brauche fest, weil die Vorbereitungen zum Werk zugleich, wie er aus Erfahrung wei\u00df, die Bedeutung haben, ihn auf sein k\u00fcnstlerisches Schaffen einzustellen. Er verdankt der besinnlichen Ruhe, in der er sie ausf\u00fchrt, jene entscheidende Lockerung und Ausgewogenheit aller seiner Kr\u00e4fte, jene Sammlung und Geistesgegenwart, ohne welche kein rechtes Werk ge lingt. Absichtslos in sein Tun versunken, wird er dem Augenblick entgegengef\u00fchrt, in dem sich das Werk, das ihm in ideellen Linien vorschwebt, wie von selbst vollbringt. Wie beim Bogenschie\u00dfen die Schritte und Stellungen, haben hier in abgewandelter Form andere Vorspiele denselben Sinn. Und nur da, wo dies nicht angeht, beim kultischen T\u00e4nzer etwa und dem Schauspieler, wird die Sammlung und Versenkung auf die Zeit vor ihrem Auftreten verlegt. Auch bei diesen Beispielen also handelt es sich wie beim Bogenschie\u00dfen, unverkennbar um Zeremonien. Deutlicher, als es der Lehrer mit Worten zu sagen verm\u00f6chte, entnimmt der Sch\u00fcler aus ihnen, da\u00df die rechte geistige Verfassung des K\u00fcnstlers dann erreicht ist, wenn die Vorbereitung und das Schaffen, das Hand werkliche und das K\u00fcnstlerische, das Materielle und das Geistige, das Zust\u00e4ndliche und das Ge- genst\u00e4ndliche fugenlos ineinander \u00fcbergehen. Und damit hat er ein neues Thema der Nachahmung gefunden. Die Weisen der Konzentration, der selbstvergessenen Versunkenheit vollendet zu beherrschen, wird nunmehr von ihm verlangt. Die Nachahmung, nicht mehr auf objektive Gehalte bezogen, deren Abbildung noch jeder bei gutem Willen irgendwie gewachsen ist, wird jetzt gel\u00f6ster, beweglicher, geistiger. Der Sch\u00fcler sieht sich neuen M\u00f6glichkeiten ge gen\u00fcbergestellt, erf\u00e4hrt aber auch zugleich, da\u00df ihre Verwirklichung nicht im mindesten mehr von seinem guten Willen abh\u00e4ngt. Unter der Voraussetzung, da\u00df seine Begabung die Steigerung besteht, erwartet den Sch\u00fcler auf seinem Wege zur K\u00fcnstlerschaft eine kaum zu umgehende Gefahr. Nicht die Gefahr, in eitlem Selbstgenu\u00df sich zu verzehren &#8211; denn zu diesem Kult des eigenen Ich bringt der Ostasiate keinerlei Anlagen mit &#8211; als vielmehr die Gefahr, bei dem, was er kann und ist, was der Erfo lg best\u00e4tigt und der Ruhm feiert, stehen zu bleiben. Sich also so zu verhalten, als ob die k\u00fcnstlerische Existenz eine eigene, aus sich gepr\u00e4gte und beglaubigte Form des Lebens w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lehrer sieht dies voraus. Behutsam und mit feinster Kunst der Seelenf\u00fchrung versucht er, rechtzeitig vorzubeugen und den Sch\u00fcler von sich selbst loszul\u00f6sen. Er erreicht es da- durch, da\u00df er, unauff\u00e4llig und als ob es nur nebenbei erw\u00e4hnenswert sei, an die Erfahrung, die der Sch\u00fcler schon gemacht haben mu\u00df, ankn\u00fcpfend, darauf hinweist, da\u00df alles rechte Schaffen nur im Zustand echter Selbstlosigkeit gelingt, in dem der Schaffende somit gar nicht mehr als \u201eer selbst&#8221; gegenw\u00e4rtig sein kann. Nur der Geist ist gegenw\u00e4rtig, eine Art von Wachheit, welche gerade nicht die T\u00f6nung des \u201eIch selbst&#8221; aufweist und daher um so schrankenloser alle Weiten und Tiefen \u201emit Augen, die h\u00f6ren und mit Ohren, die sehen&#8221; durchdringt.<\/p>\n\n\n\n<p>So l\u00e4\u00dft der Lehrer den Sch\u00fcler durch sich selbst hindurchgehen. Der Sch\u00fcler aber wird mehr und mehr daf\u00fcr empf\u00e4nglich, sich durch den Lehrer etwas in Sicht bringen zu lassen, wovon er freilich schon oft geh\u00f6rt hat, dessen Realit\u00e4t aber erst jetzt auf dem Grunde eigener Erfahrungen f\u00fcr ihn greifbar zu werden beginnt. Es ist unwichtig, welche Namen der Lehrer dem, was er meint, beilegt, ja, ob er es \u00fcberhaupt benennt. Der Sch\u00fcler versteht ihn auch dann, wenn er sich dar\u00fcber ausschweigt. Aber damit wird eine entscheidende innere Bewegung eingeleitet. Der Lehrer verfolgt sie, und ohne ihren Verlauf durch fernere Belehrung, die nur st\u00f6ren w\u00fcrde, zu beeinflussen, hilft er dem Sch\u00fcler auf die geheimste und in- nerlichste Weise, \u00fcber die er verf\u00fcgt: durch unmittelbarste \u00dcbertragung des Geistes, wie man sich in buddhistischen Kreisen ausdr\u00fcckt. \u201eWie man mit einer brennenden Kerze andere anz\u00fcndet&#8221;, so \u00fcbertr\u00e4gt der Lehrer den Geist der rechten Kunst von Herz zu Herzen, damit sie licht werden. Wenn es dem Sch\u00fcler beschieden sein sollte, erinnert er sich, da\u00df wichtiger als alle noch so bestechenden \u00e4u\u00dferen Werke das innere Werk ist, welches er vollbringen mu\u00df, wenn er seine Bestimmung gerade als K\u00fcnstler erf\u00fcllen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Das innere Werk aber besteht darin, da\u00df er als der Mensch, der er ist, als das Selbst, als das er sich f\u00fchlt und immer wieder findet, zum Stoff einer Bildung und Formung wird, an deren Ende die Meisterschaft steht. In ihr treffen sich K\u00fcnstlerschaft und Menschsein im umf\u00e4nglichsten Sinne des Wortes als in einem H\u00f6heren. Denn Meisterschaft ist als Lebensform dadurch beglaubigt, da\u00df sie aus der grenzenlosen Wahrheit lebt und, von ihr getragen, die Kunst des Ursprungs ist. Der Meister sucht nicht mehr, sondern findet. Er ist als K\u00fcnstler ein priesterlicher Mensch, als Mensch ein K\u00fcnstler, dem in all seinem Tun und Lassen, Schaffen und Schweigen, Sein und Nichtsein Buddha ins Herz sieht. Der Mensch, der K\u00fcnstler, das Werk &#8211; das ist alles Eines. Die Kunst des inneren Werkes, das nicht wie das \u00e4u\u00dfere vom K\u00fcnstler abf\u00e4llt, das er nicht machen, sondern immer nur sein kann, entspringt aus Tiefen, von denen der Tag nichts wei\u00df. Der Weg der Meisterschaft ist steil. Oft h\u00e4lt den Sch\u00fcler nichts anderes mehr in Bewegung als der Glaube an den Lehrer, aus dem ihn jetzt erst die Meisterschaft anblickt: er lebt ihm das innere Werk vor und \u00fcberzeugt durch nichts anderes als durch sein blo\u00dfes Dasein. In diesem Stadium gewinnt die Nachahmung des Sch\u00fclers ihren letzten und reifsten Sinn: sie f\u00fchrt zum Teilhaben am Geist der Meisterschaft durch Nachfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie weit der Sch\u00fcler kommen wird, entzieht sich der Sorge des Lehrers und Meisters. Er mu\u00df den Sch\u00fcler, kaum hat er ihm den rechten Weg gewiesen, allein weitergehen lassen. Nur Eines hat er noch zu tun, damit der Sch\u00fcler die Einsamkeit bestehe: er l\u00f6st ihn von sich selbst, vom Meister, los, indem er ihn herzlich ermahnt, weiter zu kommen als er selbst und \u201eauf des Lehrers Schultern zu steigen&#8221;. Der Sch\u00fcler, wohin ihn auch der Weg f\u00fchren m\u00f6ge, kann seinen Lehrer wohl aus den Augen verlieren, aber nicht vergessen. In einer zu jedem Opfer bereiten Dankbarkeit, in die sich die kritiklose Verehrung des Anf\u00e4ngers, der rettende Glaube des K\u00fcnstlers gewandelt hat, steht er f\u00fcr ihn ein. An unz\u00e4hligen Beispielen bis in die j\u00fcngste Vergangenheit lie\u00dfe sich darlegen, da\u00df diese Dankbarkeit das Ma\u00df dessen, was sonst unter Menschen \u00fcblich ist, weit hinter sich l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_7\">VII<\/h1>\n\n\n\n<p>IN DIE ZUR ZEREMONIE ERHOBENE Auslegung der \u201eGro\u00dfen Lehre&#8221; des Bogenschie\u00dfens glitt ich von Tag zu Tag leichter hinein und f\u00fchrte sie auch m\u00fchelos aus, oder, genauer gesagt, ich f\u00fchlte mich durch sie hindurchgef\u00fchrt wie etwa durch einen Traum. Insofern best\u00e4tigte sich, was der Meister vorausgesagt hatte. Dennoch konnte ich es nicht verhindern, da\u00df die in sich selbst verlaufende Konzentration immer nur bis zu dem Augenblick reichte, in dem der Schu\u00df fallen sollte. Das wartende Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung wurde nicht etwa nur m\u00fcde, so da\u00df es an Spannkraft verlor, sondern so unertr\u00e4glich, da\u00df ich aus der Versunkenheit immer wieder herausgerissen wurde und meine Aufmerksamkeit auf die Erwirkung des Abschusses richten mu\u00dfte. \u201eUnterlassen Sie es doch, an den Ab schu\u00df zu denken&#8221;, rief der Meister aus. \u201eSo mu\u00df er mi\u00dflingen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann nicht anders&#8221;, erwiderte ich, \u201edie Spannung wird geradezu schmerzhaft.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNur weil Sie nicht wahrhaft losgel\u00f6st von sich selbst sind, sp\u00fcren Sie es. Dabei ist alles so einfach. Sie k\u00f6nnen von einem gew\u00f6hnlichen Bambusblatt lernen, worauf es ankommt. Durch die Last des Schnees wird es herabge dr\u00fcckt, immer tiefer. Pl\u00f6tzlich rutscht die Schneelast ab, ohne da\u00df das Blatt sich ger\u00fchrt h\u00e4tte. Verweilen Sie, ihm gleich, in der h\u00f6chsten Spannung, bis der Schu\u00df f\u00e4llt. So ist es in der Tat: wenn die Spannung erf\u00fcllt ist, mu\u00df der Schu\u00df fallen, er mu\u00df vom Sch\u00fctzen abfallen wie die Schneelast vom Bambusblatt, noch ehe er es gedacht hat.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz allem Lassen und Unterlassen gelang es mir nicht, unbek\u00fcmmert zu warten, bis der Schu\u00df fiel. Es blieb nach wie vor nichts anderes \u00fcbrig, als ihn absichtlich zu l\u00f6sen. Und dieses hartn\u00e4ckige Versagen bedr\u00fcckte mich um so mehr, als ich das dritte Unterrichtsjahr schon \u00fcberschritten hatte. Ich will nicht leugnen, da\u00df ich tr\u00fcbe Stunden durchmachte, in denen ich mir die Frage vorlegte, ob ich denn fernerhin den Zeitaufwand verantworten k\u00f6nne, der in keinem verst\u00e4ndlichen Verh\u00e4ltnis mehr zu dem, was ich bisher erlernt und erfahren hatte, zu stehen schien. Die sp\u00f6ttische Bemerkung eines Landsmannes, es gebe in Japan doch wahrhaftig Wichtigeres einzuheimsen als ausgerechnet diese brotlose Kunst, fiel mir ein, und seine von mir damals abgewiesene Frage, was ich denn mit dieser Kunst und Wissenschaft sp\u00e4ter anfangen wolle, erschien mir auf einmal gar nicht mehr so unbedingt absurd. Der Meister mu\u00df gef\u00fchlt haben, was in mir vorging. Er habe in jener Zeit, so berichtete mir sp\u00e4ter Herr Komachiya, eine japanische Ein- leitung in die Philosophie durchzuarbeiten versucht, um herauszufinden, wie er mir von einer mir vertrauten Seite her weiterhelfen k\u00f6nnte. Aber schlie\u00dflich habe er dieses Buch unmutig und mit der Feststellung beiseite gelegt, er k\u00f6nne jetzt eher verstehen, da\u00df es einem Menschen, der sic h mit solchen Dingen besch\u00e4ftige, \u00fcberaus schwer fallen m\u00fcsse, sich die Kunst des Bogenschie\u00dfens anzueignen, \u00dcber die Sommerferien gingen wir ans Meer, in die Einsamkeit einer durch sparsame Sch\u00f6nheit ausgezeichneten, still vertr\u00e4umten Land schaft. Unsere B\u00f6gen hatten wir als wichtigstes Gep\u00e4ck mitgenommen. Mich besch\u00e4ftigte tagaus tagein die L\u00f6sung des Schusses. Sie war wie zu einer fixen Idee geworden, \u00fcber der ich die Anweisung des Meisters, wir sollten nichts anderes als losl\u00f6sende Versenkung \u00fcben, mehr Und mehr verga\u00df. Hin und her \u00fcberlegend und alle M\u00f6glichkeiten \u00fcberdenkend, kam ich zu dem Ergebnis, der Fehler k\u00f6nne nicht an der vom Meister beargw\u00f6hnten Stelle: an dem Mangel an Absichtslosigkeit und Ichlosigkeit, sondern nur daran liegen, da\u00df die Finger der rechten Hand den Daumen allzu fest umschlossen hielten. Je l\u00e4nger der Abschu\u00df auf sich warten lie\u00df, um so krampfhafter pre\u00dfte ich sie unwillk\u00fcrlich zusammen. An dieser Stelle glaubte ich einsetzen zu m\u00fcssen. Bald hatte ich eine einfache und zugleich einleuchtende L\u00f6sung dieser Frage gefunden. Wenn ich, nachdem ich den Bogen gespannt hatte, die \u00fcber den Daumen geschlagenen Finger behutsam und nur ganz allm\u00e4hlich streckte, kam der Augenblick, in dem der Daumen, durch sie nicht mehr festge halten, wie von selbst aus seiner Lage gerissen wurde; so konnte es geschehen, da\u00df sich der Schu\u00df blitzartig l\u00f6ste und offenbar \u201eabfiel wie die Schneelast vom Bambusblatt&#8221;. Diese Entdeckung empfahl sich mir nicht zuletzt wegen ihrer bestechenden Verwandtschaft mit der Technik des Gewehrschie\u00dfens.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wird der Zeigefinger langsam und so lange gekr\u00fcmmt, bis ein verschwindend leichter Druck die letzte Hemmung \u00fcberwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte mich rasch davon \u00fcberzeugen, da\u00df ich auf dem rechten Weg sein m\u00fcsse. Nahezu jeder Abschu\u00df gelang auf diese Weise glatt und unversehens, wie mir vorkam. Nur freilich \u00fcbersah ich nicht die Kehrseite dieses Gelingens: die Pr\u00e4zisionsarbeit der rechten Hand verlangte meine volle Aufmerksamkeit. Aber ich tr\u00f6stete mich mit der Aussicht, da\u00df diese technische L\u00f6sung allm\u00e4hlich so gel\u00e4ufig werden w\u00fcrde, da\u00df sie keiner besonderen Beachtung mehr bed\u00fcrfe, da\u00df also der Tag kommen werde, an dem ich, gerade durch sie, in der Lage sei, selbstvergessen in der h\u00f6chsten Spannung verweilend, den Schu\u00df unbewu\u00dft zu l\u00f6sen; da\u00df also auch in diesem Falle das technische K\u00f6nnen sich vergeistigen werde. In dieser \u00dcberzeugung immer zuversichtlicher geworden, beschwichtigte ich, was sich in mir dagegen regen wollte, \u00fcberh\u00f6rte auch die widerratenden Einw\u00e4nde meiner Frau und hatte endlich das beruhigende Gef\u00fchl, ein entscheidendes St\u00fcck vorw\u00e4rts gekommen zu sein. Gleich der erste Schu\u00df, den ich nach Wiederbeginn des Unterrichts abgab, gelang nach meinem Daf\u00fcrhalten ausgezeichnet. Glatt und unversehens l\u00f6ste er sich. Der Meister schaute mich eine Weile an und sagte dann, z\u00f6gernd wie einer, der seinen eigenen Augen nicht recht traut: \u201eBitte, noch einmal!&#8221; Mein zweiter Schu\u00df schien mir den ersten noch \u00fcbertroffen zu haben. Da trat der Meister wortlos auf mich zu, nahm mir den Bogen aus der Hand und setzte sich, mit dem R\u00fccken gegen mich, auf ein Kissen. Ich verstand, was dies zu bedeuten hatte, und ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tage darauf teilte mir Herr Komachiya mit, der Meister lehne es ab, mich weiterhin zu unterrichten, weil ich versucht h\u00e4tte, ihn zu hintergehen. \u00dcber diese Auslegung meines Verhaltens aufs \u00e4u\u00dferste best\u00fcrzt, setzte ich Herrn Komachiya auseinander, weshalb ich, um nicht immer nur auf der Stelle zu treten, auf diese Weise den Schu\u00df zu l\u00f6sen, verfallen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Meister war auf seine F\u00fcrsprache hin endlich bereit, einzulenken, machte aber die Fortsetzung des Unterrichtes von meinem ausdr\u00fccklichen Versprechen abh\u00e4ngig, nie wieder gegen den Geist der \u201eGro\u00dfen Lehre&#8221; zu versto\u00dfen. Wenn mich nicht tiefe Besch\u00e4mung geheilt h\u00e4tte, h\u00e4tte es das Verhalten des Meisters ge tan. Er erw\u00e4hnte den Vorfall mit keinem Wort, sondern sagte nur ganz schlicht: \u201eSie sehen, was es auf sich hat, im Zustande der h\u00f6chsten Spannung nicht absichtslos verweilen zu k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen nicht einmal im Lerne n verweilen, ohne sich immer wieder zu fragen: werde ich es auch schaffen? Warten Sie doch geduldig ab, was kommt und wie es kommt!&#8221; Ich machte den Meister darauf aufmerksam, da\u00df ich schon im vierten Unterrichtsjahr stehe, und da\u00df mein Aufenthalt in Japan von begrenzter Dauer sei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Weg zum Ziel&#8221;, erwiderte er, \u201eist nicht auszumessen, was bedeuten da Wochen, Monate, Jahre?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber wenn ich auf halbem Wege abbrechen mu\u00df?&#8221; fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn Sie wahrhaft ichlos geworden sind, k\u00f6nnen Sie jederzeit abbrechen. Also \u00fcben Sie sich darin!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so wurde wieder ganz von vorn angefangen, als sei alles bisher Erlernte unbrauchbar geworden. Aber das absichtslose Verweilen in der h\u00f6chsten Spannung mi\u00dfriet nach wir vor, wie wenn es unm\u00f6glich w\u00e4re, aus eingefahrenen Spuren herauszukommen. Eines Tages fragte ich daher den Meister:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie kann denn \u00fcberhaupt der Schu\u00df gel\u00f6st werden, wenn ,ich&#8217; es nicht tue?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e ,Es&#8217; schie\u00dft&#8221;, erwiderte er. \u201eDas habe ich schon einige Male von Ihnen ge h\u00f6rt und mu\u00df daher anders fragen: wie kann ich denn selbstvergessen auf den Abschu\u00df warten, wenn ,ich&#8217; gar nicht mehr dabei sein soll?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e ,Es&#8217; verweilt in h\u00f6chster Spannung. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wer oder was ist dieses ,Es&#8217;?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn Sie dies einmal verstehen, haben Sie mich nicht mehr n\u00f6tig. Und wenn ich Ihnen auf die Spur helfen wollte, die eigene Erfahrung Ihnen ersparend, w\u00e4re ich der schlechteste aller Lehrer und verdiente, davongejagt zu werden. Also sprechen wir nicht mehr dar\u00fcber, sondern \u00fcben wir!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Wochen vergingen, ohne da\u00df ich auch nur um einen Schritt weitergekommen w\u00e4re. Daf\u00fcr stellte ich fest, da\u00df mich dies nicht im geringsten ber\u00fchrte. War ich denn der ganzen Kunst m\u00fcde geworden? Ob ich sie erlerne oder nicht; ob ich erfahre, was der Meister mit dem ,Es&#8217; meint oder nicht; ob ich den Zugang zum Zen finde oder nicht &#8211; dies alles schien mir mit einem Male so fern ger\u00fcckt, so gleichg\u00fcltig ge worden zu sein, da\u00df es mich nicht mehr bek\u00fcmmerte. Mehrmals nahm ich mir vor, mich dem Meister anzuvertrauen, aber wenn ich dann vor ihm stand, verlie\u00df mich der Mut; ich war \u00fcberzeugt, von ihm doch nichts anderes zu h\u00f6ren zu bekommen als die abgeleierte Antwort: \u201eFragen Sie nicht, \u00fcben Sie!&#8221; Also lie\u00df ich das Fragen, und am liebsten h\u00e4tte ich auch das \u00dcben gelassen, wenn mich der Meister nicht so unerbittlich im Griff gehabt h\u00e4tte. Ich lebte in den Tag hinein wie aus dem Tag heraus, erledigte, so gut es ging, meine berufliche Arbeit und nahm mir endlich nicht einmal mehr zu Herzen, da\u00df mir alles das gleichg\u00fcltig geworden war, worum ich mich Jahre hindurch stand haft bem\u00fcht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da, eines Tages, nach einem Schu\u00df, verbeugte sich der Meister tief und brach dann den Unterricht ab. \u201eSoeben hat ,Es&#8217; geschossen,&#8221; rief er aus, als ich ihn fassungslos anstarrte. Und als ich endlich begriffen hatte, was er meinte, konnte ich die j\u00e4h aufbrechende Freude dar\u00fcber nicht unterdr\u00fccken. \u201eWas ich gesagt habe,&#8221; tadelte der Meister, \u201ewar kein Lob, nur eine Feststellung, die Sie nicht ber\u00fchren darf. Ich habe mich auch nicht vor Ihnen verbeugt, denn Sie sind ganz unschuldig an diesem Schu\u00df. Sie verweilten diesmal v\u00f6llig selbstvergessen und absichtslos in h\u00f6chster Spannung; da fiel der Schu\u00df von Ihnen ab wie eine reife Frucht. Nun \u00fcben Sie weiter, wie wenn nichts geschehen w\u00e4re!&#8221; Erst nach geraumer Zeit gelangen dann und wann wieder rechte Sch\u00fcsse, die der Meister wortlos durch eine tiefe Verbeugung auszeichnete. Wie es vor sich ging, da\u00df sie sich ohne mein Zutun wie von selbst l\u00f6sten, wie es kam, da\u00df meine fast geschlossene rechte Hand pl\u00f6tzlich ge \u00f6ffnet zur\u00fcckschnellte, konnte ich weder damals noch kann ich es heute erkl\u00e4ren. Die Tatsache steht fest, da\u00df es so geschah, und dies allein ist wichtig. Aber wenigstens dahin kam ich allm\u00e4h- lich, die rechten Sch\u00fcsse von den mi\u00dflungenen selbst\u00e4ndig unterscheiden zu k\u00f6nnen. Der qualitative Unterschied zwischen ihnen ist so gro\u00df, da\u00df er nicht mehr \u00fcbersehen werden kann, hat man ihn einmal erfahren. \u00c4u\u00dferlich, f\u00fcr den Zuschauer, zeigt sich der rechte Schu\u00df einerseits dadurch an, da\u00df das ruckartige Zur\u00fcckschnellen der rechten Hand abgefangen wird und daher keine Ersch\u00fctterung des K\u00f6rpers hervorruft. Andererseits entl\u00e4dt sich nach mi\u00dflungenen Sch\u00fcssen der gestaute Atem explosiv, und nicht rasch genug kann wieder Luft geholt werden. Nach richtigen Sch\u00fcssen wird dagegen der Atem in m\u00fchelosem Gleiten entlassen, woraufhin die Einatmung ohne Hast Luft sch\u00f6pft. Das Herz schl\u00e4gt gleichm\u00e4\u00dfig ruhig weiter, und die ungest\u00f6rte Konzentration gestattet ohne Verzug den \u00dcbergang zum n\u00e4chsten Schu\u00df. Innerlich aber, f\u00fcr den Sch\u00fctzen selbst, wirken sich rechte Sch\u00fcsse derart aus, da\u00df ihm zumute ist, als habe der Tag erst jetzt begonnen. Er f\u00fchlt sich nach ihnen zu allem rechten Tun und, was vielleicht noch wichtiger ist, zu allem rechten Nichtstun aufgelegt. \u00dcberaus k\u00f6stlich ist dieser Zustand. Aber wer ihn hat, mahnt der Meister mit einem feinen L\u00e4cheln, tut gut daran, ihn so zu haben, als h\u00e4tte er ihn nicht. Nur entschiedener Gleichmut besteht ihn so, da\u00df er nicht z\u00f6gert wiederzukommen.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_8\">VIII<\/h1>\n\n\n\n<p>NUN HABEN WIR DOCH WOHL das Schlimmste hinter uns&#8221;, sagte ich zum Meister, als er eines Tages den \u00dcbergang zu neuen \u00dcbungen ank\u00fcndigte. \u201eBei uns r\u00e4t man&#8221;, erwiderte er, \u201ewer hundert Meilen zu laufen hat, solle neunzig als die H\u00e4lfte ansehen. Das Neue aber, um das es jetzt geht, ist der Schu\u00df nach der Scheibe.&#8221; Bisher diente als Ziel und zugleich als Pfeilfang eine Strohwalze auf einem Holzgestell, der man in einer Entfernung von zwei Pfeill\u00e4ngen etwa gegen\u00fcbersteht. Die Scheibe dagegen, in einer Entfernung von rund 60 Metern aufgestellt, ruht auf einer hohen und breitgelagerten Sandaufsch\u00fcttung, die an drei W\u00e4nde ange lehnt und, wie die Halle, in welcher der Sch\u00fctze steht, durch ein sch\u00f6ngeschwungenes Ziegeldach gesch\u00fctzt ist. Beide Hallen sind durch hohe Bretterw\u00e4nde miteinander verbunden und schlie\u00dfen nach au\u00dfen hin den Raum ab, in dem so Seltsames geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Meister f\u00fchrte das Schie\u00dfen nach der Scheibe vor. Seine beiden Pfeile trafen ins Schwarze. Dann forderte er uns auf, die Zeremonie genau wie bisher auszuf\u00fchren und, ohne uns durch die Scheibe auch nur im geringsten beirren zu lassen, in h\u00f6chster Spannung zu warten, bis der Schu\u00df gefallen sei. Unsere schlanken Bambuspfeile flogen zwar in der angegebenen Richtung, trafen aber zum Teil nicht einmal die Sandaufsch\u00fcttung, noch weniger die Scheibe, sondern bohrten sich vor ihr in den Erdboden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhre Pfeile werden nicht ausgetragen,&#8221; bemerkte der Meister, \u201eweil sie geistig nicht weit genug reichen. Sie m\u00fcssen sich so verhalten, als w\u00e4re das Ziel unendlich fern. Es ist f\u00fcr uns Bogenmeister eine bekannte und durch t\u00e4gliche Erfahrungen best\u00e4tigte Tatsache, da\u00df ein guter Sch\u00fctze mit einem mittelstarken Bogen weiter schie\u00dft als ein geistloser Sch\u00fctze mit dem st\u00e4rksten Bogen. Es liegt also nicht am Bogen, sondern an der.Geistesgegenwart&#8217;, an der Lebendigkeit und Wachheit, mit der Sie schie\u00dfen. Um nun die h\u00f6chste Spannung dieser geistigen Wachheit zu entfesseln, m\u00fcssen Sie die Zeremonie anders durchf\u00fchren als bisher: so etwa, wie ein rechter T\u00e4nzer tanzt. Wenn Sie dies tun, entspringen die Bewegungen Ihrer Glied- ma\u00dfen jener Mitte, in welcher die rechte Atmung geschieht. Es ist dann so, als ob Sie die Zeremonie, anstatt sie wie Auswendiggelerntes abzuwickeln, aus der Eingebung des Augenblicks sch\u00fcfen, so da\u00df Tanz und T\u00e4nzer ein und dasselbe sind. Indem Sie also die Zeremo nie wie einen kultischen Tanz darstellen, erreicht Ihre geistige Wachheit die h\u00f6chste Kraft.&#8221; Ich wei\u00df nicht, wie weit es mir damals schon gelang, die Zeremonie zu \u201etanzen&#8221; und so von der Mitte her zu beleben. Ich scho\u00df zwar nicht mehr zu kurz, aber die Scheibe zu treffen, blieb mir versagt. Dies veranla\u00dfte mich, den Meister zu fragen, weshalb er uns denn bisher noch gar nicht erkl\u00e4rt habe, wie man zielt. Es mu\u00df doch, vermutete ich, einen Bezug geben zwischen Scheibe und Pfeilspitze etwa, und somit ein erprobtes Visieren, welches das Treffen erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich gibt es dies,&#8221; erwiderte der Meister, \u201eund Sie k\u00f6nnen die erforderliche Einstellung leicht selbst finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn Sie dann mit beinahe jedem Schu\u00df die Scheibe treffen, sind Sie nichts anderes als ein Kunstsch\u00fctze, der sich sehen lassen kann. F\u00fcr den Ehrgeizigen, der seine Treffer z\u00e4hlt, ist die Scheibe ein armseliges St\u00fcck Papier, das er zerfetzt. Die ,Gro\u00dfe Lehre&#8217; des Bogenschie\u00dfens h\u00e4lt dies f\u00fcr reine Teufelei. Sie wei\u00df nichts von einer Scheibe, die in bestimmter Entfernung vom Sch\u00fctzen aufgestellt ist. Sie wei\u00df nur von dem Ziel, das sich auf keine Weise technisch erzielen l\u00e4\u00dft, und dieses Ziel nennt sie, wenn sie es \u00fcberhaupt nennt: Buddha.&#8221; Nach diesen Worten, die er aussprach, als verst\u00e4nden sie sich von selbst, forderte uns der Meister auf, seine Augen beim Schie\u00dfen genau zu beobachten. Sie waren wie bei der Durchf\u00fchrung der Zeremonie nahezu geschlossen, und so konnten wir nicht den Eindruck haben, als visiere er. F\u00fcgsam \u00fcbten wir und lie\u00dfen es schie\u00dfen, ohne zu zielen. Zun\u00e4chst blieb ich v\u00f6llig unbek\u00fcm- mert darum, wohin sich meine Pfeile verflogen. Selbst gelegentliche Treffer erregten mich nicht, wu\u00dfte ich doch, da\u00df sie mir nur so zufielen. Aber auf die Dauer war ich diesem Schie\u00dfen ins Blaue doch nicht gewachsen. Ich fiel in die Versuchung zur\u00fcck, mir Gedanken dar\u00fcber zu machen. Der Meister tat, als entginge ihm meine Verwirrung, bis ich ihm eines Tages gestand, da\u00df ich mich nicht zurechtfinde. \u201eSie machen sich unn\u00f6tige Sorgen\u201c tr\u00f6stete er mich, \u201eschlagen Sie sich doch das Treffen aus dem Sinn! Sie k\u00f6nnen ein Bogenmeister werden, auch wenn nicht jeder Schu\u00df trifft. Die Treffer auf der Scheibe dort sind nur \u00e4u\u00dfere Proben und Best\u00e4tigung Ihrer aufs h\u00f6chste ge steigerten Absichtslosigkeit, Ichlosigkeit, Versunkenheit, oder wie Sie sonst diesen Stand nennen wollen. Es gibt Stufen der Meisterschaft, und erst, wer die letzte erreicht hat, kann auch das \u00e4u\u00dfere Ziel nicht mehr verfehlen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist es ja gerade, was mir nicht eingehen will,&#8221; erwiderte ich. \u201eIch glaube zu verstehen, was Sie mit dem eigentlichen, dem inneren Ziel meinen, das getroffen werden soll. Aber wie es zugehe, da\u00df das \u00e4u\u00dfere Ziel, die Papierscheibe, getroffen wird, ohne da\u00df der Sch\u00fctze gezielt hat, und da\u00df somit die Treffer \u00e4u\u00dferlich best\u00e4tigen, was sich innerlich ereignet &#8211; diese \u00dcbereinstimmung ist mir unbegreiflich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie sind schlecht beraten,&#8221; gab der Meister nach einer Weile zu bedenken, \u201ewenn Sie meinen, ein auch nur halbwegs brauchbares Verstehen dieser dunklen Zusammenh\u00e4nge k\u00f6nne Ihnen weiterhelfen. Es handelt sich hier um Vorg\u00e4nge, an die der Verstand nicht heranreicht. Vergessen Sie nicht, da\u00df es schon in der Natur \u00dcbereinstimmungen gibt, die unbegreiflich sind, aber dennoch so wirklich, da\u00df wir uns an sie gew\u00f6hnt haben, als k\u00f6nnten sie nicht anders sein. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das mich schon oft besch\u00e4ftigt hat: Die Spinne tanzt ihr Netz, ohne zu wissen, da\u00df es Fliegen gibt, die sich darin fangen. Die Fliege, unbek\u00fcmmert im Sonnenstrahl tanzend, verf\u00e4ngt sich im Netz, ohne zu wissen, was ihr bevor- steht. Durch beide hindurch aber tanzt ,Es&#8217;, und Inneres und \u00c4u\u00dferes sind eins in diesem Tanz. So trifft der Sch\u00fctze die Zielscheibe, ohne \u00e4u\u00dferlich gezielt zu haben &#8211; besser kann ich es Ihnen nicht sagen.&#8221; So viel mir auch dieser Vergleich zu denken gab, ohne da\u00df ich ihn freilich h\u00e4tte zu Ende denken k\u00f6nnen &#8211; irgend etwas in mir war dawider, mich beschwingt zu f\u00fchlen und unbek\u00fcmmert weiter\u00fcben zu k\u00f6nnen. Ein Einwand, der im Laufe von Wochen immer bestimmtere Umrisse gewann, meldete sich zum Wort. Ich fragte daher: \u201eIst es nicht wenigstens denkbar, da\u00df Sie, nach jahrzehntelangem \u00dcben, unwillk\u00fcrlich und mit geradezu nachtwandlerischer Sicherheit Bogen und Pfeil beim Spannen so in Anschlag bringen, da\u00df Sie, ohne bewu\u00dftes Zielen, die Scheibe treffen, ja einfach treffen m\u00fcssen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Meister, an mein l\u00e4stiges Fragen l\u00e4ngst ge w\u00f6hnt, sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIch will gar nicht in Abrede stellen&#8221;, sagte er nach einer Weile besinnlichen Schweigens, \u201eda\u00df an dem, was Sie da sagen, etwas sein k\u00f6nnte. Stelle ich mich doch dem Ziel gegen\u00fcber&#8217;, so da\u00df ich es erblicken mu\u00df, auch wenn ich mich nicht mit Ab sicht nach ihm richte. Aber andererseits wei\u00df ich, da\u00df dieses Erblicken nicht gen\u00fcgt, nicht entscheidet, nichts erkl\u00e4rt, denn ich sehe das Ziel, als s\u00e4he ich es nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann m\u00fc\u00dften Sie es auch mit verbundenen Augen treffen&#8221;, entfuhr es mir. Der Meister sah mich mit einem Blick an, der mich bef\u00fcrchten lie\u00df, als habe ich ihn verletzt, und sagte dann, \u201eKommen Sie heute abend!&#8221; Ich nahm ihm gegen\u00fcber auf einem Kissen Platz. Er reichte mir Tee, sprach aber kein Wort. So sa\u00dfen wir eine lange Weile da. Nichts war zu h\u00f6ren als das singende Brodeln des kochenden Wassers \u00fcber gl\u00fchenden Kohlen. Endlich erhob sich der Meister und gab mir einen Wink, ihm zu folgen. Die \u00dcbungshalle war hell erleuchtet. Der Meister hie\u00df mich eine Moskitokerze, lang und d\u00fcnn wie eine Stricknadel, vor der Scheibe in den Sand zu stecken, das Licht im Scheibenstand jedoch nicht anzuknipsen. Es war so dunkel, da\u00df ich nicht einmal dessen Umrisse wahrnehmen konnte, und wenn nicht das winzige F\u00fcnklein der Moskitokerze sich verraten h\u00e4tte, h\u00e4tte ich die Stelle, an welcher die Scheibe stand, vielleicht geahnt, aber nicht genau auszumachen vermocht. Der Meister \u201etanzte&#8221; die Zeremonie. Sein erster Pfeil scho\u00df aus strahlender Helle in tiefe Nacht. Am Aufschlag erkannte ich, da\u00df er die Scheibe getroffen habe. Auch der zweite Pfeil traf. Als ich am Scheibenstand Licht gemacht hatte, entdeckte ich zu meiner Best\u00fcrzung, da\u00df der erste Pfeil mitten im Schwarzen sa\u00df, w\u00e4hrend der zweite die Kerbe des ersten Pfeiles zersplittert und den Schaft ein St\u00fcck weit aufgeschlitzt hatte, bevor er sich neben ihm ins Schwarze bohrte. Ich wagte nicht, die Pfeile einzeln herauszuziehen, sondern brachte sie mitsamt der Scheibe zur\u00fcck. Der Meister schaute sie pr\u00fcfend an. \u201eDer erste Schu\u00df&#8221;, sagte er dann, \u201esei kein Kunstst\u00fcck gewesen, werden Sie meinen, ich sei doch mit meinem Scheibenstand seit Jahrzehnten so vertraut, da\u00df ich sogar bei tiefstem Dunkel wissen m\u00fcsse, wo sich die Scheibe befindet. Das mag sein, und ich will mich nicht auszureden versuchen. Aber der zweite Pfeil, der den ersten traf &#8211; was halten Sie davon? Ich jedenfalls wei\u00df, da\u00df nicht ,ich&#8217; es war, dem dieser Schu\u00df angerechnet werden darf. ,Es&#8217; hat geschossen und hat getroffen. Verneigen wir uns vor dem Ziel als vor Buddha!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinen beiden Pfeilen hatte der Meister offenbar auch mich getroffen. Wie wenn ich \u00fcber Nacht verwandelt worden w\u00e4re, kam ich nicht mehr in die Versuchung, mich um meine Pfeile und das, was mit ihnen geschah, zu k\u00fcmmern. Der Meister best\u00e4rkte mich in dieser Haltung noch \u00fcberdies dadurch, da\u00df er nie nach der Scheibe sah, sondern lediglich den Sch\u00fctzen im Auge behielt, als ob er von ihm am zuverl\u00e4ssigsten ablesen k\u00f6nne, wie der Schu\u00df ausge fallen sei. Auf Befragen gab er dies auch unumwunden zu, und ich konnte nur immer wieder von neuem feststellen, da\u00df die Treffsicherheit seiner Beurteilung von Sch\u00fcssen der Treffsicherheit seiner Pfeile in nichts nachstand. So \u00fcbertrug er, selbst aufs tiefste konzentriert, den&#8221; Geist seiner Kunst auf die Sch\u00fcler, und ich scheue mich nicht, aus eigenster, lange genug bezweifelter Erfahrung zu best\u00e4tigen, da\u00df die Rede von einer unmittelbaren Mitteilung keine blo\u00dfe Redensart, sondern ein Vorgang von sp\u00fcrbarer Realit\u00e4t ist. Noch eine andere Art von Hilfe, die er ebenfalls als unmittelbare Geistes\u00fcbertragung bezeichnete, leistete der Meister in jener Zeit. Wenn ich fortgesetzt schlecht scho\u00df, gab er mit meinem Bogen einige Sch\u00fcsse ab. Die Besserung war auff\u00e4llig; es war, wie wenn der Bogen sich anders als zuvor spannen lie\u00dfe, williger, verst\u00e4ndiger. Nicht nur mir erging es so. Selbst seine \u00e4ltesten und erfahrensten Sch\u00fcler, M\u00e4nner der verschiedensten Berufe, hielten dies f\u00fcr ausgemacht und wunderten sich dar\u00fcber, da\u00df ich fragte wie einer, der ganz sicher gehen m\u00f6chte. \u00c4hnlich lassen sich auch Schwertmeister in ihrer \u00dcberzeugung, jedes mit unendlicher Sorgfalt in m\u00fchevoller Arbeit hergestellte Schwert nehme den Geist des Schwertschmiedes an, der sich daher auch in kultischer Gewandung ans Werk macht, durch keinen Einwand beirren. Ihre Erfahrungen sind viel zu eindeutig, und sie selbst sind viel zu erfahren, als da\u00df sie nicht vernehmen k\u00f6nnten, wie ein Schwert sie anspricht. Eines Tages rief der Meister in dem Augenblick, in dem mein Schu\u00df sich l\u00f6ste: \u201eEs ist da! Verneigen Sie sich!&#8221; Als ich sp\u00e4ter nach der Scheibe sah &#8211; ich konnte es leider nicht unterlassen &#8211; bemerkte ich, da\u00df der Pfeil sie nur am Rande gestreift hatte. \u201eDies war ein rechter Schu\u00df&#8221;, entschied der Meister, \u201eund so mu\u00df es anfangen. Aber damit genug f\u00fcr heute, sonst geben Sie sich beim n\u00e4chsten Schu\u00df besondere M\u00fche und verderben den guten Anfang.&#8221; Im Laufe der Zeit gelangen zuweilen mehrere Sch\u00fcsse nacheinander, welche die Scheibe trafen, neben freilich noch immer vielen mi\u00dfratenen. Aber wenn ich nur im geringsten Miene machte, mir etwas darauf einzubilden, fa\u00dfte mich der Meister ungew\u00f6hnlich schroff an. \u201eWas f\u00e4llt Ihnen denn ein?&#8221; rief er dann. \u201e\u00dcber schlechte Sch\u00fcsse sollen Sie sich nicht \u00e4rgern, das wissen Sie schon l\u00e4ngst. F\u00fcgen Sie hinzu, sich \u00fcber gute Sch\u00fcsse nicht zu freuen. Von dem Hin und Her zwischen Lust und Unlust m\u00fcssen Sie sich l\u00f6sen. Sie m\u00fcssen lernen, in gelockertem Gleichmut dar\u00fcber zu stehen, sich also so zu freuen, wie wenn ein anderer und nicht Sie gut geschossen h\u00e4tte. Auch hierin m\u00fcssen Sie sich unerm\u00fcdlich \u00fcben &#8211; Sie k\u00f6nnen gar nicht ermessen, wie wichtig dies ist.&#8221; Ich habe in diesen Wochen und Monaten die h\u00e4rteste Schule meines Lebens durchgemacht, und wenn es mir auch nicht immer leichtfiel, mich einzuf\u00fcgen, lernte ich doch allm\u00e4hlich einsehen, wie viel ich ihr zu verdanken habe. Sie vernichtete die letzten Regungen des Dranges, mich mit mir selbst und den Schwankungen meines Zumute seins zu besch\u00e4ftigen. \u201eVerstehen Sie jetzt&#8221;, fragte mich einmal der Meister nach einem besonders guten Schu\u00df, \u201ewas es bedeutet: ,Es&#8217; schie\u00dft, ,Es&#8217; trifft?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch f\u00fcrchte&#8221;, erwiderte ich, \u201eda\u00df ich \u00fcberhaupt nichts mehr verstehe, selbst das Einfachste wird verwirrt. Bin ich es, der den Bogen spannt, oder ist es der Bogen, der mich in h\u00f6chste Spannung zieht? Bin ich es, der das Ziel trifft, oder trifft das Ziel mich? Ist das ,Es&#8217; in den Augen des K\u00f6rpers geistig und in den Augen des Geistes k\u00f6rperlich &#8211; ist es beides oder keines von beiden? Dies alles: Bogen, Pfeil, Ziel und Ich verschlingen sich ineinander, da\u00df ich sie nicht mehr trennen kann. Und selbst das Bed\u00fcrfnis, zu trennen, ist verschwunden. Denn sobald ich den Bogen zur Hand nehme und schie\u00dfe, ist alles so klar und eindeutig und so l\u00e4cherlich einfach&#8230;&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt eben&#8221;, unterbrach mich da der Meister, \u201eist die Bogensehne mitten durch Sie hindurchgegangen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_9\">IX<\/h1>\n\n\n\n<p>\u00dcBER F\u00dcNF JAHRE WAREN SEITHER verflossen, da schlug uns der Meister vor, eine Pr\u00fcfung abzulegen. \u201eEs kommt dabei&#8221;, so erkl\u00e4rte er, \u201enicht blo\u00df darauf an, da\u00df Sie Ihr K\u00f6nnen vorf\u00fchren, sondern noch h\u00f6her wird die geistige Verfassung des Sch\u00fctzen, bis in sein unscheinbarstes Benehmen hinein, bewertet. Ich jedenfalls erwarte von Ihnen vor allem, da\u00df sie sich durch die Anwesenheit von Zuschauern nicht beirren lassen, sondern v\u00f6llig unbek\u00fcmmert die Zeremonie durchf\u00fchren, als seien wir, wie bisher, ganz unter uns.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde auch in den folgenden Wochen nicht auf die Pr\u00fcfung hin gearbeitet, mit keinem Worte wurde sie erw\u00e4hnt, und oft schon nach wenigen Sch\u00fcssen wurde der Unterricht abgebrochen. Daf\u00fcr erhielten wir die Aufgabe, zu Hause die Zeremonie mit ihren Schrittegruppen und Stellungen, vor allem aber mit der rechten Atmung, auszuf\u00fchren und uns tief zu ver- senken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir \u00fcbten in der angegebenen Weise und ent deckten, kaum hatten wir uns daran gew\u00f6hnt, die Zeremonie ohne Bogen und Pfeil zu tanzen, da\u00df wir uns schon nach wenigen Schritten un- gew\u00f6hnlich konzentriert f\u00fchlten, und dies um so mehr, je entschiedener wir darauf bedacht waren, durch leicht herbeigef\u00fchrte k\u00f6rperliche Lockerung den Vorgang der Konzentration zu erleichtern. Nahmen wir im Unterricht dann wieder Bogen und Pfeil zur Hand, wirkten diese h\u00e4uslichen \u00dcbungen so ausgiebig nach, da\u00df wir auch da m\u00fchelos in den Stand der \u201eGeistesgegenwart&#8221; glitten. Wir f\u00fchlten uns so sicher geborgen, da\u00df wir dem Tag der Pr\u00fcfung und der Anwesenheit von Zuschauern gleichm\u00fctig entgegensahen. Wir bestanden die Pr\u00fcfung so, da\u00df der Meister nicht n\u00f6tig hatte, mit verlegenem L\u00e4cheln die Zuschauer um Nachsicht zu bitten, und erhielten Diplome ausge h\u00e4ndigt, die an Ort und Stelle geschrieben wurden, je mit Angabe der Stufe der Meisterschaft, auf welcher jeder von uns beiden stand. Der Meister schlo\u00df die Pr\u00fcfung dadurch ab, da\u00df er in \u00fcberaus pr\u00e4chtiger Tracht zwei meisterliche Sch\u00fcsse abgab. Wenige Tage sp\u00e4ter wurde meiner Frau noch \u00fcberdies in einer \u00f6ffentlichen Pr\u00fcfung in der Kunst des Blumenstellens der Meistertitel zugesprochen. Von da ab nahm der Unterricht ein neues Gesicht an. Mit wenigen \u00dcbungssch\u00fcssen sich begn\u00fcgend, ging der Meister dazu \u00fcber, die \u201eGro\u00dfe Lehre&#8221; des Bogenschie\u00dfens im Zusammenhang zu erl\u00e4utern und sie zugleich den Stufen, die wir erreicht hatten, anzupassen. Obwohl er sich in geheimnisvollen Bildern und dunkeln Vergleichen bewegte, gen\u00fcgten selbst sp\u00e4rliche Andeutungen, da\u00df wir verstanden, um was es geht. Am ausf\u00fchrlichsten verweilte er bei dem Wesen der \u201ekunstlosen Kunst&#8221;, zu der das Bogenschie\u00dfen f\u00fchren m\u00fcsse, wenn es sich vollenden will. \u201eWer es vermag*&#8217;, sagte er, \u201emit dem H\u00f6rn des Hasen und dem Haar der Schildkr\u00f6te zu schie\u00dfen, also ohne Bogen (H\u00f6rn) und Pfeil (Haar) die Mitte zu treffen, der erst ist Meister im h\u00f6chsten Sinne des Wortes, Meister der kunstlosen Kunst, ja die kunstlose Kunst selbst und somit Meister und Nichtmeister in einem. Mit dieser Wendung geht das Bogenschie\u00dfen als bewegungslose Bewegung, als tanzloser Tanz &#8211; in das Zen \u00fcber.&#8221; Als ich den Meister einmal fragte, wie wir denn sp\u00e4ter, nach der R\u00fcckkehr in die Heimat, ohne ihn weiterkommen k\u00f6nnten, erwiderte er: \u201eIhre Frage ist schon damit beantwortet, da\u00df ich Sie veranla\u00dft habe, sich einer Pr\u00fcfung zu unterziehen. Sie sind auf einer Stufe angelangt, auf der Lehrer und Sch\u00fcler nicht mehr zwei, sondern eins sind. Sie k\u00f6nnen sich also jederzeit von mir trennen. Auch wenn dann weite Meere zwischen uns liegen, bin ich immer dabei, wenn Sie \u00fcben, wie Sie es gelernt haben. Ich brauche Sie nicht darum zu bitten, auf das regelm\u00e4\u00dfige \u00dcben unter keinem Vorwand zu verzichten, keinen Tag vergehen zu lassen, an dem Sie nicht, wenn auch ohne Bogen und Pfeil, die Zeremonie ausgef\u00fchrt oder wenigstens richtig geatmet h\u00e4tten. Ich brauche Sie deshalb nicht darum zu bitten, weil ich wei\u00df, da\u00df Sie das geistige Bogenschie\u00dfen nicht mehr lassen k\u00f6nnen. Schreiben Sie mir nie dar\u00fcber, aber senden Sie mir von Zeit zu Zeit Aufnahmen, aus denen ich sehen kann, wie Sie den Bogen spannen. Dann wei\u00df ich alles, was ich wissen mu\u00df. Nur auf Eines mu\u00df ich Sie vorbereiten. Sie beide haben sich im Laufe dieser Jahre ver\u00e4n- dert. Dies bringt die Kunst des Bogenschie\u00dfens mit sich: eine bis in letzte Tiefen reichende Auseinandersetzung des Sch\u00fctzen mit sich selbst. Sie haben es bisher wahrscheinlich kaum be- merkt, werden es aber unweigerlich sp\u00fcren, wenn Sie in der Heimat Ihren Freunden und Bekannten wieder begegnen: es klingt nicht mehr wie fr\u00fcher zusammen. Sie sehen vieles anders und messen mit anderen Ma\u00dfen. Auch mir ist es so gegangen, und jedem steht es bevor, der vom Geist dieser Kunst anger\u00fchrt ist.&#8221; Zum Abschied, der kein Abschied war, \u00fcberreichte mir der Meister seinen besten Bogen. \u201eWenn Sie mit diesem Bogen schie\u00dfen, werden Sie f\u00fchlen, da\u00df die Meisterschaft des Meisters gegenw\u00e4rtig ist. Geben Sie ihn keinem Neugierigen in die Hand! Und wenn Sie ihn bestanden haben, bewahren Sie ihn nicht als Erinnerung auf! Vernichten Sie ihn, da\u00df nichts zur\u00fcckbleibt, als ein H\u00e4uflein Asche!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_10\">X<\/h1>\n\n\n\n<p>ES WIRD NUN DOCH, BEF\u00dcRCHTE ich, unterdessen bei manchem der Verdacht rege geworden sein, das Bogenschie\u00dfen habe sich, seit es im Kampfe von Mann gegen Mann keine Rolle mehr spielt, in eine verstiegene Geistigkeit hin\u00fcbergerettet und damit in ungesunder Weise sublimiert. Und ich kann es keinem, der so f\u00fchlt, verdenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Um so entschiedener sei noch einmal betont, da\u00df das Zen nicht erst neuerdings die japanischen K\u00fcnste und damit auch die Kunst des Bogenschie\u00dfens von Grund aus beeinflu\u00dft hat, sondern da\u00df dar\u00fcber viele Jahrhunderte vergangen sind. Es verh\u00e4lt sich in der Tat so, da\u00df ein Bogenmeister l\u00e4ngst verklungener Tage, der wer wei\u00df wie oft die Probe zu bestehen hatte, keine anderen Aussagen \u00fcber das Wesen seiner Kunst h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, als ein Meister der Gegenwart, in dem die \u201eGro\u00dfe Lehre&#8221; lebendig ist. \u00dcber die Jahrhunderte hinweg ist der Geist dieser Kunst derselbe geblieben &#8211; so wenig ver\u00e4nderlich wie das Zen selbst. Um indessen jedem noch immerhin m\u00f6glichen und, wie ich aus eigener Erfahrung wei\u00df, verst\u00e4ndlichen Zweifel zu begegnen, will ich auf eine andere Kunst, deren Bedeutung f\u00fcr den Kampf auch unter den heutigen Verh\u00e4ltnissen nicht in Abrede gestellt werden kann, einen vergleichenden Blick werfen: auf die Schwertkunst. Nicht nur deshalb liegt mir dies nahe, weil Meister Awa sich auch darauf verstand, das Schwert \u201egeistig&#8221; zu f\u00fchren, und daher gelegentlich auf die erregende \u00dcbereinstimmung zwischen den Erfahrungen von Bogen- und Schwertmeistern hinwies, sondern noch mehr aus dem Grunde, weil es aus der Zeit, in welcher das Rittertum in h\u00f6chster Bl\u00fcte stand, Schwertmeister also in der Lage sein mu\u00dften, ihre Meisterschaft in der unwiderruflichsten Weise zwischen Leben und Tod zu bew\u00e4hren, ein literarisches Dokument von h\u00f6chstem Range gibt. Es ist Takuan&#8217;s, eines gro\u00dfen Zen-Meisters Traktat: \u201eDas unbewegte Begreifen&#8221;, worin von der Verbindung des Zen mit der Schwertkunst und somit zugleich von der Praxis des Schwertkampfes ausf\u00fchrlich die Rede ist. Ich wei\u00df nicht, ob es das einzige Dokument ist, welches die \u201eGro\u00dfe Lehre&#8221; der Schwertmeisterschaft so umfassend und urspr\u00fcnglich auslegt; noch weniger wei\u00df ich, ob es mit R\u00fccksicht auf die Kunst des Bogenschie\u00dfens \u00e4hnliche Zeugnisse gibt. Aber dies eine steht fest: es ist ein gro\u00dfes Gl\u00fcck, da\u00df Takuan&#8217;s Bericht erhalten geblieben ist, und ein gro\u00dfes Verdienst D. T. Suzuki&#8217;s, dieses an einen ber\u00fchmten Schwert- meister gerichtete Schreiben ohne wesentliche Verk\u00fcrzung \u00fcbersetzt und damit weitesten Kreisen zug\u00e4nglich gemacht zu haben*). In eigener Anordnung und Zusammenfassung will ich, so durchsichtig und b\u00fcndig wie nur m\u00f6glich, hervorzuheben versuchen, was man vor Jahr hunderten schon unter Schwertmeisterschaft verstanden und nach \u00fcbereinstimmender Auffassung gro\u00dfer Meister seitdem zu verstehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gilt unter Schwertmeistern auf Grund lehr reicher Erfahrungen, die sie an sich selbst wie an Sch\u00fclern gemacht haben, als erwiesen, da\u00df der Anf\u00e4nger, wie stark und kampffroh, wie mutig und unerschrocken er auch von Hause aus sein mag, mit Beginn des Unterrichtes au\u00dfer seiner Unbefangenheit auch sein Selbstvertrauen einb\u00fc\u00dft. Er lernt jetzt alle technischen M\u00f6glichkeiten der Gef\u00e4hrdung des Lebens im Schwertkampf kennen, und obwohl er bald imstande ist, seine Aufmerksamkeit aufs \u00e4u\u00dferste anzuspannen, den Gegner scharf zu beobachten, seine Hiebe kunstgerecht abzuwehren und wirksame Ausf\u00e4lle zu machen, ist er dennoch schlechter daran als zuvor, da er noch aufs Geratewohl um sich schlug, wie es ihm der Augenblick und die Kampfleidenschaft beim \u00dcbungsspiel, halb im Scherz und halb im Ernst, eingab.<\/p>\n\n\n\n<p>Er mu\u00df sich jetzt eingestehen und damit abfinden, da\u00df er jedem St\u00e4rkeren, Wendigeren und Ge\u00fcbteren unterlegen, seinen treffsicheren Hieben erbarmungslos ausgesetzt sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sieht keinen anderen Weg vor sich als den unerm\u00fcdlichen \u00dcbens, und auch sein Lehrmeister wei\u00df vorl\u00e4ufig keinen anderen Rat. So setzt der Lehrling alles daran, die anderen, ja sogar sich selbst zu \u00fcbertreffen. Er erwirbt eine bestechende Technik, die ihm ein St\u00fcck der verlorenen Selbstsicherheit zur\u00fcckgibt und f\u00fchlt sich dem erstrebten Ziel nah und n\u00e4her r\u00fccken. Der Lehrmeister indessen denkt anders dar\u00fcber &#8211; mit Recht, versichert Takuan: denn alles K\u00f6nnen des Lehrlings f\u00fchrt nur dahin, da\u00df \u201esein Herz durch das Schwert hinweggerafft&#8221; wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kann der Anfangsunterricht gar nicht anders erteilt werden; er ist dem Anf\u00e4nger durchaus angemessen. Dennoch f\u00fchrt er nicht zum Ziel, wie der Lehrmeister nur zu gut wei\u00df. Da\u00df der Lehrling trotz seinem Eifer und vielleicht angeborener Schwertt\u00fcchtigkeit nicht zum Schwertmeister wird, ist unvermeidlich. Woran aber liegt es, da\u00df er, der schon l\u00e4ngst gelernt hat, sich nicht unbesonnen von der Kampfleidenschaft hinrei\u00dfen zu lassen, sondern k\u00fchles Blut zu bewahren; da\u00df er, der seine K\u00f6rperkraft umsichtig einteilt, zu langatmigem Waffengang sich gest\u00e4hlt f\u00fchlt und in weitem Umkreis kaum mehr ebenb\u00fcrtige Gegner findet, dennoch, an letzten Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen, versagt und stecken bleibt? Es liegt nach Takuan daran, da\u00df der Lehrling nicht unterlassen kann, den Gegner und dessen Art, das Schwert zu f\u00fchren, sorgsam zu beobachten; daran, da\u00df er \u00fcberlegt, wie er ihm am wirksamsten beikommen k\u00f6nne, und auf den Augenblick lauert, in dem er sich eine Bl\u00f6\u00dfe gibt. Es liegt daran, da\u00df er, um es kurz zu sagen, seine ganze Kunst und Wissenschaft zu Rate zieht. Indem er sich so verh\u00e4lt, b\u00fc\u00dft er nach Takuan die \u201eGegenwart des Herzens&#8221; ein: er kommt mit dem entscheidenden Streich immer zu sp\u00e4t und vermag daher nicht, des Gegners Schwert \u201egegen ihn selbst zu kehren&#8221;. Je mehr er darauf ausgeht, die \u00dcberlegenheit der Schwertf\u00fchrung von seiner \u00dcberlegung, von der bewu\u00dften Verwertung seines K\u00f6nnens, von Kampferfahrung und Taktik abh\u00e4ngig zu machen, um so mehr hemmt er die freie Beweg- lichkeit im \u201eWirken des Herzens&#8221;. Wie ist dem abzuhelfen? Wie wird das K\u00f6nnen \u201egeistig&#8221;, wie wird aus der souver\u00e4nen Beherrschung der Technik meisterliche Schwertf\u00fchrung? Nur dadurch, lautet die Antwort, da\u00df der Lehrling absichtslos und ichlos wird. Er mu\u00df dahin ge bracht werden, da\u00df er sich nicht nur vom Gegner, sondern auch von sich selbst losl\u00f6st. Durch das Stadium, in dem er sich noch immer befindet, mu\u00df er hindurchgehen, es endg\u00fcltig hinter sich bringen &#8211; auf die Gefahr hin, da\u00df er vollends scheitere. Klingt dies nicht genau so widersinnig, wie wenn beim Bogenschie\u00dfen verlangt wird, man solle treffen, ohne gezielt zu haben, man solle also das Ziel und die Absicht, es zu treffen, v\u00f6llig aus den Augen verlieren? Man bedenke indessen, da\u00df sich die Schwertmeisterschaft, deren Wesen Takuan beschreibt, gerade im Kampfe tausendfach bew\u00e4hrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Sache des Lehrmeisters, nicht den Weg selbst, wohl aber das Wie dieses Weges zum letzten Ziele hin in Anpassung an die Eigenart des Lehrlings ausfindig zu machen und zu verantworten. Er wird sich zun\u00e4chst angelegen sein lassen, ihn darauf einzustellen, Hieben instinktiv auszuweichen, selbst dann, wenn sie unversehens gegen ihn gef\u00fchrt werden. D. T. Suzuki hat in einer k\u00f6stlichen Anekdote die \u00fcberaus originelle Methode eines Lehrmeisters geschildert, sich dieser nicht gerade leichten Aufgabe zu unterziehen. Der Lehrling mu\u00df also gleichsam einen neuen Sinn oder, richtiger gesagt, eine neue Wachheit aller seiner Sinne erlangen, die ihn dazu bef\u00e4higt, drohenden Hieben zu entgehen, als habe er sie vorausgef\u00fchlt. Beherrscht er diese Kunst des Ausweichens, dann hat er nicht mehr n\u00f6tig, mit ungeteilter Aufmerksamkeit die Bewegungen seines Gegners oder gar mehrerer Gegner zugleich im Auge zu behalten. In dem Augenblick vielmehr, in dem er sieht und vorausf\u00fchlt, was zu geschehen anhebt, hat er sich schon instinktiv der Auswirkung dieses Geschehens entzogen, ohne da\u00df zwischen Wahrnehmen und Ausweichen \u201eein Haarbreit dazwischen&#8221; w\u00e4re. Darauf also kommt es an: auf dieses unvermittelt blitzschnelle Reagieren, das bewu\u00dfter Beobachtung gar nicht mehr bedarf. Und so hat sich der Lehrling, in dieser Hinsicht wenigstens, von allem bewu\u00dften Absehen unabh\u00e4ngig gemacht. Und viel ist damit schon gewonnen. Sehr viel schwieriger und f\u00fcr den Ausgang recht eigentlich entscheidend ist aber die fernere Aufgabe, zu hintertreiben, da\u00df der Lehr ling \u00fcberlege und ersp\u00e4he, wie er dem Gegner am besten beikommen k\u00f6nne. Ja, nicht einmal daran soll er fortan denken, da\u00df er es \u00fcberhaupt mit einem Gegner zu tun hat, und da\u00df es dabei um Leben und Tod geht. Der Lehrling versteht &#8211; es kann gar nicht anders sein &#8211; diese Anweisungen zun\u00e4chst so, als gen\u00fcge es, wenn er auf das Beobachten und \u00dcberlegen dessen, was mit dem Verhalten des Gegners in Beziehung steht, verzichtet. Er nimmt sich das geforderte Unterlassen sehr ernsthaft vor und kontrolliert sich auf Schritt und Tritt. Aber dabei entgeht ihm, da\u00df er, indem er sich auf sich selbst konzentriert, sich selbst nicht anders denn als den im Kampfe Befindlichen sehen kann, der sich davor zu h\u00fc ten hat, den Gegner zu beachten. So gut er es auch immer meine, hat er ihn daher noch immer heimlich im Auge. Nur zum Scheine hat er sich von ihm losgel\u00f6st, um so fester verkn\u00fcpft er sich mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kostet viel feine Kunst der Seelenf\u00fchrung, den Lehrling davon zu \u00fcberzeugen, da\u00df er mit dieser Verlagerung der Aufmerksamkeit im Grunde nichts gewonnen hat. Er mu\u00df lernen, ebenso entschieden wie von seinem Gegner, auch von sich selbst abzusehen und somit in einem radikalen Sinne absichtslos zu werden. Viel geduldiges, viel vergebliches \u00dcben ist dazu erforderlich, genau wie beim Bogenschie\u00dfen. Aber wenn diese \u00dcbungen einmal zum Ziele f\u00fchren, ist in der erreichten Absichtslosigkeit der letzte Rest der Absichtlichkeit &#8211; des Sichbem\u00fchens &#8211; verschwunden. Im Zustande dieser Losgel\u00f6stheit und Ab sichtslosigkeit stellt sich von selbst ein Verhalten ein, welches mit der auf der vorhergehenden Stufe erreichten Fertigkeit des instinktiven Ausweichens \u00fcberraschende \u00c4hnlichkeit hat. Wie dort zwischen dem Erblicken eines beabsichtigten Hiebes und dem Ausweichen kein Haarbreit dazwischen ist, so geschieht es nunmehr zwischen Ausweichen und Vorgehen. Im Augenblick des Ausweichens holt der K\u00e4mp fende schon zum Schlage aus, und, noch ehe er sich dessen versieht, ist sein t\u00f6dlicher Streich schon treffsicher und unwiderstehlich gefallen. Es ist, als ob das Schwert sich selber f\u00fchre, und wie beim Bogenschie\u00dfen gesagt werden mu\u00df, da\u00df \u201eEs&#8221; zielt und trifft, so ist auch hier an die Stelle des Ich das \u201eEs&#8221; getreten, der F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten sich bedienend, die sich das Ich in bewu\u00dfter Anstrengung angeeignet hat. Und auch hier ist das \u201eEs&#8221; nur ein Name f\u00fcr etwas, das man weder verstehen noch erjagen kann, und das nur dem offenbar wird, der es erfahren hat 3 ).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vollendung der Schwertkunst besteht nach Takuan darin, das kein Gedanke mehr an Ich und Du, an den Gegner und sein Schwert, an das eigene Schwert und wie es zu f\u00fchren sei, kein Gedanke mehr sogar an Leben und Tod das Herz bek\u00fcmmert. \u201eAlles also ist Leere: du selbst, das gez\u00fcckte Schwert und die schwertf\u00fchrenden Arme. Ja, sogar der Gedanke der Leere ist nicht mehr da.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAus solcher absoluten Leere&#8221;, stellt Takuan fest, \u201eentspringt die wunderbare Entfaltung des Tuns.&#8221; Was f\u00fcr das Bogenschie\u00dfen und die Schwertf\u00fchrung gilt, trifft in dieser Hinsicht auch f\u00fcr jede andere Kunst zu. So erweist sich, um ein weiteres Beispiel zu streifen, die Meisterschaft in der Tuschemalerei gerade darin, da\u00df die die Technik bedingungslos beherrschende Hand in demselben Augenblick, in dem der Geist zu gestalten beginnt, ausf\u00fchrt und sichtbar macht, was ihm vorschwebt, ohne da\u00df ein Haarbreit dazwischen w\u00e4re. Das Malen wird zu einem selbstt\u00e4tigen Schreiben. Und auch hier kann die Anweisung an den Maler geradezu lauten: beobachte zehn Jahre lang Bambus, werde selber zum Bambus, vergi\u00df dann alles und &#8211; male.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwertmeister ist wieder unbefangen wie der Anf\u00e4nger. Die Unbek\u00fcmmertheit, die er bei Beginn des Unterrichtes eingeb\u00fc\u00dft hat, hat er am Ende als unzerst\u00f6rbaren Charakter wiedergewonnen. Im Unterschied aber zum Anf\u00e4nger ist er zur\u00fcckhaltend, gelassen und bescheiden, und es fehlt ihm jeder Sinn daf\u00fcr, sich aufzuspielen. Zwischen den beiden Stadien der Anf\u00e4ngerschaft und der Meisterschaft liegen eben lange ereignisreiche Jahre unerm\u00fcdlichen \u00dcbens. Unter dem Einflu\u00df des Zen ist das K\u00f6nnen geistig geworden, der \u00dcbende selbst aber, in inneren \u00dcberwindungen von Stufe zu Stufe freier werdend, verwandelt. Das Schwert, das zu seiner \u201eSeele&#8221; geworden ist, sitzt ihm nicht mehr locker in der Scheide.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zieht es nur, wenn es unvermeidlich ist. Und dabei kann es vorkommen, da\u00df er dem Kampf mit einem unw\u00fcrdigen Gegner, einem Rohling, der mit seinen Muskelpaketen prahlt, ausweicht, den Vorwurf der Feigheit l\u00e4chelnd auf sich nehmend; da\u00df er aber andererseits aus hoher Achtung f\u00fcr seinen Gegner auf einem Kampfe besteht, der diesem nichts anderes als ehrenvollen Tod bringen wird. Hier kommen Gesinnungen zum Vorschein, welche das Ethos des Samurai, den unvergleichlichen \u201eWeg des Ritters&#8221;, Bushido genannt, bestimmt haben. Denn f\u00fcr den Schwertmeister steht h\u00f6her als alles andere, h\u00f6her als Ruhm, Sieg und gar das Leben: das \u201eSchwert der Wahrheit&#8221;, die er erfahren hat und die ihn richtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Anf\u00e4nger ist der Schwertmeister furchtlos, aber im Unterschied zum Anf\u00e4nger wird er von Tag zu Tag unzug\u00e4nglicher f\u00fcr Erschreckendes. In jahrelangem unausgesetztem Meditieren hat er erfahren, da\u00df Leben und Tod im Grunde ein und dasselbe sind und derselben Schicksalsebene angeh\u00f6ren. So wei\u00df er nicht mehr, was Angst des Lebens und Furcht des Todes ist. Er lebt &#8211; und dies ist f\u00fcr das Zen \u00fcberaus charakteristisch &#8211; gern in der Welt, aber jederzeit dazu bereit, aus ihr zu scheiden, ohne sich durch den Gedanken an den Tod beirren zu lassen. Es ist nicht von ungef\u00e4hr, da\u00df die Gesinnung der Samurai als lauterstes Symbol die zarte Kirschbl\u00fcte gew\u00e4hlt hat. Wie sich ein Kirschbl\u00fctenblatt im Strahl der Morgensonne l\u00f6st und heiter schimmernd zur Erde gleitet, so mu\u00df sich der Furchtlose vom Dasein l\u00f6sen k\u00f6nnen, lautlos und innerlich unbewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Frei zu sein von Todesfurcht bedeutet nicht, da\u00df man in allen guten Stunden vermeine, man zittere nicht vor dem Tod, und da\u00df man darauf baut, man werde die Probe bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Leben und Tod meistert, ist vielmehr frei von Furcht jeglicher Art in dem Ma\u00dfe, da\u00df er gar nicht mehr nach zu erleben vermag, wie Furcht sich f\u00fchlt. Wer die Macht ernsthafter und anhaltender Meditation nicht aus Erfahrung kennt, kann nicht ermessen, welcher \u00dcberwindungen sie f\u00e4hig macht. Der vollendete Meister jedenfalls verr\u00e4t, nicht durch Worte, wohl aber in seinem Gebaren, auf Schritt und Tritt seine Furchtlosigkeit: man sieht sie ihm an und ist durch sie tief betroffen. Unersch\u00fctterliche Furchtlosigkeit ist daher als solche schon Meisterschaft, die, wie es nicht anders sein kann, nur wenigen wirklich gelingt. Um auch dies durch ein Zeugnis zu belegen, f\u00fchre ich im Wortlaut eine Stelle aus dem Hagakure an, das um die Mitte des 17. Jahrhunderts entstand&#8221;). \u201eYagyu Tajimanokami5 ) war ein gro\u00dfer Meister im Schwertkampf und unterwies den damaligen Shogun Tokugawa Jyemitsu in dieser Kunst. Einer der Leibw\u00e4chter des Shogun kam eines Tages zu Tajimanokami und bat ihn um Unterricht im Fechten. Der Meister sprach: ,Soviel ich sehe, scheint Ihr selber ein Meisterfechter zu sein. Bitte, teilt mir mit, welcher Schule Ihr angeh\u00f6rt, bevor wir in das Verh\u00e4ltnis von Lehrer und Sch\u00fcler treten.&#8217; Der Leibw\u00e4chter sprach: zu meiner Besch\u00e4 mung mu\u00df ich bekennen, da\u00df ich die Kunst nie erlernt habe.&#8217;<\/p>\n\n\n\n<p>,Wollt Ihr mich verspotten? Ich bin der Lehrer des ehrw\u00fcdigen Shogun selber und wei\u00df, mein Auge kann nicht tr\u00fcgen.&#8217;<\/p>\n\n\n\n<p>,Es tut mir leid, wenn ich Eurer Ehre zu nahe trete, aber ich besitze wirklich keine Kenntnisse.&#8217; Dieses entschiedene Bestreiten machte den Schwertmeister nachdenklich, und schlie\u00dflich sagte er: ,Wenn Ihr es sagt, mu\u00df es so sein. Aber ganz sicher seid Ihr in irgendeinem Fache Meister, wenn ich auch nicht genau sehe, worin.&#8217; Ja, wenn Ihr darauf besteht, will ich Euch folgendes berichten. Es gibt ein Ding, in dem ich mich als vollkommenen Meister ausgeben darf. Als ich noch ein Knabe war, kam mir der Gedanke, als Samurai d\u00fcrfe ich unter gar keinen Umst\u00e4nden mich vor dem Tode f\u00fcrchten, und seither habe ich &#8211; es sind jetzt einige Jahre &#8211; mich fortw\u00e4hrend mit der Frage des Todes herumgeschlagen, und zuletzt hat diese Frage aufgeh\u00f6rt, mich zu bek\u00fcmmern. Ist es vielleicht dies, worauf ihr hinauswollt?&#8217;.Genau dies&#8217;, rief Tajimanokami, ,das ist&#8217;s, was ich meine. Es freut mich, da\u00df mein Urteil mich nicht betrog. Denn das letzte Geheimnis der Schwertkunst liegt auch darin, vom Gedanken an den Tod erl\u00f6st zu sein. Ich habe viele Hunderte meiner Sch\u00fcler im Hinblick auf dieses Ziel unterwiesen, aber bis jetzt hat keiner von ihnen den h\u00f6chsten Grad der Schwertkunst erreicht. Ihr selber bed\u00fcrft keiner technischen \u00dcbung mehr, Ihr seid bereits Meister.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcbungshalle, in welcher die Schwertkunst erlernt wird, f\u00fchrt seit alters her den Namen: Ort der Erleuchtung<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_11\">XI<\/h1>\n\n\n\n<p>JEDWEDER MEISTER EINER VOM ZEN her bestimmten Kunst ist wie ein Blitz aus der Wolke der allumfassenden Wahrheit. In der freien Bewegtheit seines Geistes ist sie gegenw\u00e4rtig, und in dem \u201eEs&#8221; begegnet er ihr als seinem urspr\u00fcnglichen und namenlosen Wesen. Er begegnet diesem Wesen immer und immer wieder als der \u00e4u\u00dfersten M\u00f6glichkeit dessen, was er sein kann, und die Wahrheit nimmt f\u00fcr ihn &#8211; und durch ihn hindurch f\u00fcr andere &#8211; tausend Formen und Gestalten an. Trotz der unerh\u00f6rten Zucht jedoch, der er sich geduldig und dem\u00fctig unterworfen hat, ist er noch keineswegs dahin gekommen, so unerbittlich vom Zen durchdrungen und durchgl\u00fcht zu sein, da\u00df er von ihm in jeder beliebigen \u00c4u\u00dferung seines Lebens getragen wird, sein Dasein also nur noch gute Stunden kennt: weil ihm die h\u00f6chste Freiheit noch nicht zur tiefsten Notwendigkeit geworden ist. Treibt es ihn unwiderstehlich zu diesem Ende, mu\u00df er sich von neuem auf den Weg begeben &#8211; auf den Weg der kunstlosen Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Er mu\u00df den Ur-Sprung wagen, damit er aus der Wahrheit lebe wie einer, der mit ihr v\u00f6llig eins ge worden ist. Er mu\u00df wieder zum Sch\u00fcler, zum Anf\u00e4nger werden, das letzte, steilste St\u00fcck des Weges, den er eingeschlagen hat, \u00fcberwinden, durch neue Wandlungen hindurchgehend. Be steht er dieses Wagnis, dann vollendet sich sein Schicksal darin, da\u00df er der ungebrochenen Wahrheit, der Wahrheit \u00fcber aller Wahrheit, dem gestaltlosen Ursprung aller Urspr\u00fcnge: dem Nichts, das doch alles ist, begegnet, von ihm verschlungen und aus ihm wiedergeboren wird.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"chapter_12\">Anmerkungen<\/h1>\n\n\n\n<p>D. T. Suzuki: Die gro\u00dfe Befreiung. Einf\u00fchrung in den Zen Buddhismus. Z\u00fcrich 1958; jetzt O. W. Barth Verlag, Weilheim\/Obb.<\/p>\n\n\n\n<p>Suzuki: Zen und die Kultur Japans, S. 82 ff. Zum Vergleich empfehle ich H. von Kleist&#8217;s Traktat.Ober das Marionettentheater&#8221;. Von ganz anderen Ausgangspunk ten her kommt Kleist dem hier behandelten Thema verbl\u00fcffend nahe. Es ist derselbe Meister, an den Takuan sein Schreiben \u00fcber das \u201eunbewegte Begreifen* gerichtet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>EUGEN HERRIGEL, Prof., Dr., 1884 bei Kehl geboren. Nach Studium der Philosophie 1923 Professor in Heidelberg. Von 1924 bis 1929 Prof. phil. an der Kaiserlichen Universit\u00e4t in Sendia, Japan und 1929 bis 1948 o. Prof. f\u00fcr systematische Philosophie in Erlangen. Er verstarb 1955 in Partenkirdien\/Obb.<\/p>\n\n\n\n<p>DAISETZ TEITARO SUZUKI, geboren l869, gestorben 1966, Professor der buddhistischen Philosophie an der Universit\u00e4t in Kyoto, brachte als japanischer Zen-Meister, der auch mit dem abendl\u00e4ndischen Denken vertraut war, die Zen- Lehre nach dem Westen. Er hielt u. a. Vorlesungen an der Columbia-Universit\u00e4t in New York. Noch immer ist er die gr\u00f6\u00dfte Autorit\u00e4t auf dem Gebiet des Zen-Buddhismus. Er ver\u00f6ffentlichte zahlreiche B\u00fccher und Beitr\u00e4ge \u00fcber Zen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chapter I Chapter II Chapter III Chapter IV Chapter V Chapter VI Chapter VII Chapter VIII Chapter IX Chapter X Chapter XI Chapter XII Einleitung von Daisetz T. Suzuki Einer der wesentlichen Faktoren in der Aus\u00fcbung des Bogenschie\u00dfens und jener anderen K\u00fcnste, die in Japan und wahrscheinlich auch in anderen fern\u00f6stlichen L\u00e4ndern ausgef\u00fchrt werden, ist&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_kad_post_transparent":"","_kad_post_title":"","_kad_post_layout":"","_kad_post_sidebar_id":"","_kad_post_content_style":"","_kad_post_vertical_padding":"","_kad_post_feature":"","_kad_post_feature_position":"","_kad_post_header":false,"_kad_post_footer":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-157","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-book"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/157","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=157"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/157\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":158,"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/157\/revisions\/158"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=157"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=157"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/earlywithdrawal.net\/victoriana\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=157"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}